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28.08.1941: Russland deportiert 850.000 Wolgadeutsche


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Am 28. August 1941 wurde die gesamte deutsche Bevölkerung der Wolgaregion („Wolgadeutsche“) der Kollaboration mit dem Deutschen Reich beschuldigt. 850.000 Menschen wurden zwangsdeportiert.

Wolgadeutsche
Wolgadeutsche, Bild: Gegenfrage.com, Flagge gemeinfrei

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts, etwa ab 1760, reisten etwas mehr als 20.000 Deutsche in das wenig besiedelte Wolgagebiet. Dies lag in der Region der heutigen Saratower und Wolgograder Gebiete, nachdem Katherina II. damit begonnen hatte, ausländische Siedlungen zu gründen.

In folgenden Jahrzehnten, etwa bis Ende des 19. Jahrhunderts, wuchs die deutsche Bevölkerung an der Wolga auf über 400.000 Menschen an in insgesamt 190 Kolonien. Durch Erwerb oder Pacht weiterer Landflächen vergrößerte sich das Gebiet der Wolgadeutschen auf eine Fläche, die der Größe des heutigen Belgiens entsprach.

Deutsche Bräuche und Gewohnheiten

Deutsche Bräuche und Gewohnheiten wurden über die Jahrzehnte von der dort lebenden Bevölkerung gepflegt und weiter praktiziert. Hauptbeschäftigung der Wolgadeutschen war von Beginn an die Landwirtschaft. Es wurde Getreide angebaut und auch Kartoffeln, die die Siedler aus der Heimat mitgebracht hatten und sich rasch in der Gegend verbreiteten.

Später wurden zudem Baumwoll-, Tabak- oder auch Lederfabriken errichtet. Man produzierte außerdem Speck von sehr guter Qualität und nahm immer mehr am Handel teil. Auch Schmiedereien, Schlossereien und Tischlereien und viele andere Branchen entstanden nach und nach.

Der Lebensalltag und die Gestaltung der Ortschaften der Deutschen unterschied sich erheblich von der Lebensweise der Russen. So waren die Straßen breit und gerade und zu jedem Haus gehörte ein Garten, in dem Gemüse angebaut wurde. Während die Russen ihr Vieh, ihre Pferde und ihr Getreide in der Regel in Lehmhütten unterbrachten, benutzte man in deutschen Siedlungen Holz.

Auch was die Ernährung anging waren die Deutschen sehr eigen: Fast täglich gab es Schweinefleisch mit Gemüse in allen Variationen. Sehr beliebt war auch Kartoffelsuppe. Die Wolgadeutschen lebten traditionell in Klans mit oftmals mehr als 30 Familienmitgliedern, der Vater war das Oberhaupt und bestimmte den Alltag.

Verstarb der Hausherr, wurde in vielen Fällen der gesamte Besitz unter behördlicher Aufsicht zwischen den Kindern aufgeteilt. Die Witwe durfte den Hof weiter betreiben. Deutsch blieb die erste Sprache der Wolgadeutschen, doch beherrschten nach einiger Zeit auch alle Bewohner russisch.

Friedliches Zusammenleben

Der Schulunterricht fand auf russisch statt. Zwischen Deutschen und Russen herrschte keinerlei Distanzierung. Im Gegenteil: Es war keine Seltenheit auch russische und ukrainische Landwirte und Arbeiter anzutreffen, die sich die deutsche Sprache fließend angeeignet hatten, bemerkte der russische Prominente Victor Borisov einst in einem Artikel.

Die Deutschen machten sich durch die Herstellung hochwertiger Produkte rasch einen guten Namen. Doch anstatt mit der russischen Bevölkerung zu konkurrieren, teilten sie ihr Wissen und die Wirtschaft im gesamten Wolgagebiet erstarkte.

Etwa 65 Prozent der Bevölkerung waren Deutsche, 30 Prozent Russen und Ukrainer und der Rest andere Nationalitäten, die alle friedlich zusammen lebten.

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs begann für die Deutschen eine äußerst schwierige Phase, da Russland von nun an deutschfeindliche Propaganda ausstrahlte. Zahlreiche Schulen wurden geschlossen und die deutsche Sprache wurde in gewerblichen Angelegenheiten verboten.

Als die Bolschewisten unter Wladimir Lenin ab 1917 die Regierung Russlands stellten, wurde die Arbeitskommune der Wolgadeutschen gegründet. Nach dem Krieg normalisierte sich die gesellschaftliche Situation wieder und es wurden Fabriken gegründet, in denen Landwirtschaftsmaschinen gebaut wurden, auch Tomaten und Milch wurden produziert.

Viele weitere Industriezweige entstanden, Exportschlager wurde etwa der Strohhut, typisch für die Wolgadeutschen. Nach der Gründung der Sowjetunion wurde im Jahr 1924 die Deutsche Republik als territoriale Einheit der Sowjetunion gebildet und wurde von nun an auch in den Landkarten erfasst.

Zunächst war Katharinenstadt (heute: Marx) die Hauptstadt der Einheit gewesen, ab 1924 Engels. In den 1930er Jahren wurden einige Hoch- und Fachschulen gegründet, es gab über 50 Kinos und 24 Zeitungen, 21 davon auf deutsch. 20.000 gut ausgebildete Techniker waren inzwischen in der autonomen Republik beschäftigt.

Deutsch-Sowjetischer Krieg

Mit Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges brach alles schlagartig zusammen. Auf Geheiß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 wurde die gesamte deutsche Bevölkerung zu „Volksfeinden“ erklärt, weil man diese der Kollaboration mit Deutschland beschuldigte.

Sie wurden in Zügen in verschiedene Teile der Sowjetunion zwangsdeportiert, die Zielorte waren im weit entfernten sibirischen Teil Russlands, sowie in Kasachstan und Kirgisien. Damit wollte man den Kontakt nach Deutschland erschweren.

Nur zwei Wochen später trafen bereits die ersten vollgestopften Züge, 65 Viehwaggons je Zug mit bis zu 60 Personen je Waggon, in den besagten Regionen ein, von dort aus wurden sie auf Anhängern in die Steppen weiter transportiert. Insgesamt 850.000 Menschen, die gesamte deutsche Bevölkerung der Republik, wurden ohne Gerichtsverfahren in sogenannte „Verbanntenlager“ umgesiedelt.

Familien wurden auseinander gerissen, die Menschen bis auf ein Handgepäck vollständig enteignet und wie Vieh abtransportiert, um irgendwo in den Steppen der Zielgebiete von den Anhängern gekippt zu werden. Dort hausten sie zunächst in improvisierten Erdgruben, um rasch Schutz vor der bereits eintretenden sibirischen Kälte zu erhalten.

Russen bezeichnen Wolgadeutsche plötzlich als „Faschisten“

Die Russen bezeichneten die Wolgadeutschen plötzlich als „Faschisten“, die keinerlei Ansprüche auf irgendetwas erheben durften. Die Republik wurde aufgelöst und alle staatsbürgerlichen Rechte aberkannt. Sie wurden der Sonderverwaltung unterstellt und waren von nun an offiziell rechtlose Sklaven.

Später wurden sie mit deutschen Kriegsgefangenen in Arbeitslager gesteckt, wo in der Folgezeit etwa 700.000 Deportierte aufgrund mangelnder Versorgung und unmenschlicher Bedingungen starben.

Auch nach dem Krieg blieben die übrigen Wolgadeutschen geächtet und es war sogar gefährlich deutsch zu sprechen. Ende 1948 verkündete Moskau, dass die Verbannung „auf ewig“ gelte. Erst ab 1955 wurden die lagerähnlichen Zustände aufgehoben und die Deutschen durften sich ihre Wohnsitze wieder selbst aussuchen.

Mitte der 1960er Jahre begann die Ausreise der Deutschen in die ursprüngliche Heimat, der sie 200 Jahre lang den Rücken gekehrt hatten. Bis heute haben die restlichen Verbliebenen mit Vorurteilen zu kämpfen.

Quellenangaben anzeigen
pdf1, pdf2, html1, krsk.ru

9 Kommentare

  1. (Später wurden sie mit deutschen Kriegsgefangenen in Arbeitslager gesteckt, wo in der Folgezeit etwa 700.000 Deportierte aufgrund mangelnder Versorgung und unmenschlicher Bedingungen verstarben.)
    Das ist Völkermord herr Putin,wann übernehmen sie die verantwortung in nammen Russlands dafür.

  2. Das war ein Verbrechen der Kommunisten, welches bis heute nicht gesühnt wurde. Entschädigungszahlungen seitens der Russen als Rechtsnachfolge der Sowjetunion? Das wird nicht geschehen. Die damalige Sowjetunion hat ja nicht den 2. Weltkrieg verloren, also brauchen sie das auch nicht zu leisten.
    Nur die BRD hat Entschädigungszahlungen bzw. zahlt auch heute noch an die Hinterbliebenen des 2. Weltkrieges. Sie haben ja auch den 2. Weltkrieg verloren. Ihre eigenen Landsleute aber in den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches sowie in den Siedlungsgebieten außerhalb der damaligen Landesgrenzen hat sie zu größtenteils vergessen bzw. sich nicht wirklich darum gekümmert.

    Es ist zum kotzen und man kann sich nur dafür schämen für die BRD!
    Dieses Land hat den Untergang verdient (samt der dummen Menschen, welches alles glauben, was ihnen in der Schule sowie Medien verzählt wird).

  3. Interessant finde ich hierbei, daß offenbar trotz dieser widrigen Umstände aus den verbliebenen 150000 Menschen im Laufe von 40 Jahren (2 Generationen) 3-4 Millionen werden konnten die sich heute hier in Deutschland aufhalten und wo sich die meisten Verwandten sogar noch in Russland befinden sollen. Diese Leute bekamen Willkommensgeld, hatten keinerlei Verpflichtung zur Integration, unterminieren unsere demokratischen Werte und schliessen sich gerne Verfassungsfeindlichen und Islamfeindlichen Demonstrationen an. Ein Schelm wer böses denkt.

  4. Da sieht man mal wieder wie die Ursachen die zu dieser Tragödie geführt haben von manchen bsch..Kommentaren völlig außer Acht gelassen wurden.Ebenso die Rep Zahlungen die nie auch nur Ansatzweise von Westdeutschland bezahlt wurden.

  5. Nicht Russland, sondern die Sowjetunion deportierte die Wolgadeutschen. Und dieser Beschluss wurde in Moskau nicht diskutiert, sondern von Stalin befohlen und hatte mit dem seit zwei Monaten laufenden Krieg mit Deutschland zu tun.

  6. @Joiny
    Es gab noch Schwarzmeerdeutsche, Wolhyniendeutsche und Kaukasusdeutsche. Das sind auch Russlanddeutsche.

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