Vergessene Geschichte
10.03.1952: Stalin bietet Adenauer deutsche Wiedervereinigung an


Geschichte

Am 10. März 1952 machte Sowjetführer Josef Stalin dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und den Westalliierten den Vorschlag, die Besetzung Deutschlands zu beenden und das Land wiederzuvereinigen.

Stalin-Note 1952
Stalin-Note 1952, Deutscher Bundestag, Bild: Gegenfrage.com

Die Stalin-Note, auch bekannt als März-Note, war ein Dokument, das den Vertretern der westlichen Alliierten (Großbritannien , Frankreich und die Vereinigten Staaten) von der sowjetischen Besatzung in Deutschland am 10. März 1952 übergeben wurde. Der sowjetische Führer Joseph Stalin unterbreitete den Vorschlag einer Wiedervereinigung eines neutralen Deutschlands.

Diese Wiedervereinigung sollte nicht wirtschaftspolitische Bedingungen geknüpft werden. Die Menschen- und Grundrechte, einschließlich Redefreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, politische Freiheit und Versammlungsfreiheit sollten gewährleistet werden.

Stalins Vorschläge

  • Ein Friedensvertrag mit allen Kriegsteilnehmern mit Deutschland sollte mit einer einheitlichen deutschen Regierung ausgehandelt werden. Die Alliierten müssen sich auf die Bildung dieser Regierung einigen.
  • Deutschland sollte innerhalb der durch die Potsdamer Konferenz festgelegten Grenzen als einheitlicher Staat wiedervereinigt werden.
  • Alle Besatzungstruppen sollten innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des Vertrages abziehen.
  • Deutschland hätte demokratische Rechte wie Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit und ein Mehrparteiensystem.
  • Die Entnazifizierung sollte enden. Darüber hinaus könnten ehemalige Angehörige der deutschen Streitkräfte und der NSDAP mit Ausnahme von verurteilten Kriegsverbrechern gemeinsam ein friedliches und demokratisches Deutschland aufbauen.
  • Deutschland sollte offiziell neutral werden und keine Koalition oder militärische Allianz eingehen, die sich gegen eines der Länder richtete, deren Streitkräfte am Krieg teilgenommen haben.
  • Deutschland hätte Zugang zu den Weltmärkten und es gäbe keine Beschränkungen für diese Märkte.
  • Deutschland werde erlaubt, nationale Streitkräfte zu seiner eigenen Verteidigung aufzubauen und Munition für diese Streitkräfte herzustellen.

Reaktionen

In der DDR wurde die Stalin-Note offiziell mit Aufregung aufgenommen. Das Parteiorgan der SED, Neues Deutschland, gab ihr große Bedeutung „im Kampf der patriotischen Kräfte des deutschen Volkes und der friedlichen Wiedervereinigung“.

James Warburg, Mitglied des Ausschusses für Auswärtige Beziehungen des US-Senats, merkte am 28. März 1952 an, dass die Stalin-Note ein Bluff sein könnte. Allerdings habe die US-Regierung Angst davor, dass es sich nicht um einen Bluff handeln könnte, da dies „zu einem freien, neutralen und entmilitarisierten Deutschland“ führen werde.

Dies führte zu einem Schriftwechsel zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion. Stalin zog sein Angebot letztendlich zurück, da die westlichen Besatzer darauf beharrten, dass das wiedervereinte Deutschland der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) beitreten müsse. Eine Forderung, die Stalin ablehnte.

Adenauers Hauptpriorität war die Integration der BRD in den Westen. Er betrachtete die Wiedervereinigung als ein eher abstraktes Ziel. Insbesondere wollte seine Regierung sich auf die Wiederherstellung Deutschlands in einem kapitalistischen Europa konzentrieren.

Adenauer war zudem der Ansicht, dass eine Wiedervereinigung erst dann möglich sei, wenn Westdeutschland in Westeuropa fest integriert ist. Die Bundesregierung und die Westalliierten verkauften der Öffentlichkeit das Vorgehen Stalins als „aggressiven Akt“, mit dem er die Reintegration Westdeutschlands zu verhindern versuchte.

Verpasste Chance?

Später debattierte man jedoch darüber, ob die Möglichkeit verpasst wurde, das Besatzungsstatut zu beenden. Sechs Jahre nach dem Schriftwechsel zwischen Stalin und den Westalliierten beschuldigten die beiden deutschen Minister Thomas Dehler und Gustav Heinemann Adenauer, die Chance einer Wiedervereinigung nicht ausreichend geprüft zu haben.

Der Historiker Rolf Steininger führte in den 1980er Jahren diesbezügliche Untersuchungen durch schrieb in seinem Artikel „Eine Chance zur Wiedervereinigung?“ im Jahr 1985, dass Stalins Angebot ernst gemeint gewesen sei.

Die Westmächte hätten sogar Bereitschaft gezeigt, die Punkte anzuhören. Es sei jedoch in erster Linie Adenauer selbst gewesen, der jeden Versuch in dieser Richtung blockiert hätte. Adenauer erhielt später Spitznamen wie „Kanzler der Alliierten“ und wurde als „amerikanischer als die Amerikaner“ bezeichnet.

Deutsche Massenmedien bezeichnen diese häufig vertretene Meinung bis heute als „Legende von der verpassten Chance“. Sie begründen dies mit der schweren Unterdrückung der Demokratie im sowjetischen Machtbereich.



5 Comments

  1. Fakt ist, wie ich an anderer Stelle bereits darlegte, dass weder die USA noch England ein politisches Interesse an einem neutralen Deutschland hatten. Denn dann wäre es vorbei mit der Bevormundung gewesen.
    Churchill selbst sagte Anfang der Fünfziger Jahre: „wir haben das falsche Schwein geschlachtet“.
    Diesen Fehler wiederholen beide angelsächsischen Mächte heute in Bezug auf Russland und China wieder.

  2. Ein neutrales Deutschland mit seiner Industrie und Russland mit seinen Rohstoffen, wäre für die USA die Katastrophe gewesen.
    Stalin wusste schon, warum er den Deutschen diesen Vorschlag gemacht hat.
    Das Imperium USA kann aber nur mit der Zwietracht anderer Völker leben, die sich gegenseitig abschlachten, dafür die Waffen der USA kaufen und dann von den USA ausgeplündert werden.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

  3. Ok, Helmut, darf ich das ergänzen?
    Das große Problem des Deutschen Reiches von 1914 bis 1918 und von 1940 bis 1945 war die Schwäche der deutschen Industrie. Die Leistungen der Truppe waren aber größtenteils hervorragend. Das hatte nicht zuletzt der israelische Historiker Creveld belegt. Als die Briten 1916 an der Somme erstmals Panzer (Deckname: Tanks) einsetzten, verlangte die Oberste Deutsche Heeresleitung (OKL) das die deutsche Industrie ebenfalls Panzer bauen sollte. Die deutsche Industrie (Krupp) weigerte sich zunächst „jetzt auch noch Panzer bauen zu sollen“.
    Allein das war ein klares Schwächezeichen der Industrie in Deutschland. Wer sollte denn die Panzer auch bauen, wenn die Masse der Männer an den Fronten stand und wer sollte das Getreide von den Feldern holen?
    Dennoch wurden gegen Ende des Krieges völlig unausgereifte Panzermodelle in sehr geringer Stückzahl gebaut.
    Deutschland war völlig unvorbereitet in diesen Krieg hineingegangen, welches wiederum ein Versagen des Kaisers war, sowie des Parlaments. Pläne zur Rüstungssteigerung wurden im Reichstag in aller Regel abgeschmettert.
    Und im Zweiten Weltkrieg war es nicht anders.
    Die sagenhafte „Aufrüstung“ ab 1934/35 war in Wirklichkeit blos der Versuch der Nachrüstung, denn alle größeren Staaten, außer Deutschland und Deutschösterreich (so hieß das damals!) hatten von 1919 bis 1933 eben nicht abgerüstet, sondern weiter aufgerüstet. Das aufzuholen war in 6 Jahren kaum möglich.
    Es gibt die Tagebücher der Militärs während des Krieges gegen die Sowjetunion über die zu knappe Zuteilung des OKH von Munition an die Truppe. GFM von Manstein schrieb nach dem Kriege in „Verlorene Siege“sinngemäß, dass das Deutsche Heer gewohnt war gegen eine vierfach überlegene Armee zu kämpfen und zu siegen. Aber ab 1943 musste die Wehrmacht gegen sechsfach überlegene Gegner kämpfen und das bei der Hälfte der sonst üblichen Munitionszuteilung.
    Ich will damit sagen, dass die Deutsche Industrie selbst heute noch weit überschätzt wird. Die Stärke Deutschlands lag und liegt im Erfindungsreichtum des Mittelstandes.
    All die erfolgreich konstruierten Werkzeugmaschinen wurden nicht von Konzernen entwickelt, sondern von einer ungewöhnlich großen Zahl kleiner und mittlerer Firmen.
    Hitler machte sich hinsichtlich des großen Rüstungspotentials der Sowjetunion und dem der USA keine Illusionen. Deutschland war während des Krieges, wie Manstein schrieb, zu keinem Zeitpunkt fähig, mehr als 500 Panzer monatlich zu bauen. Die sowjetische Panzerproduktion erreichte um 1943/44 aber 2.500 Stück monatlich. Dagegen war nicht anzukommen. Selbst wenn der dumme Feldzugsplan des Franz Halder mit Moskau als Ziel nicht gewesen wäre, hätte, wenn das Schwergewicht im Süden gelegen hätte mit Endziel Wolga, mindestens zweitausend Panzer gefehlt und ebenso viele Flugzeuge.
    Ich glaube, Stalin hoffte nicht auf die deutsche Industrie, die lag ohnehin in Trümmern. Er sah die NATO und er wollte nicht, dass Westdeutschland als wichtiges Kernland Europas dort eine Speerspitze gegen Moskau bildete.
    Leider kam es genauso und die Herren Angelsachsen mit dem Lakai Merkel und gestützt auf die immer noch ahnungslosen Polen werden ihre historischen Irrtümer wahrscheinlich noch bereuen. Denn der Kalte Krieg ist längst wieder da und leider schlimmer wie der bis 1989. Wenn ich an den Wirtschaftskrieg und persönlichen Beleidigungen in Richtung Moskau denke. Das gab es nämlich zu Zeiten der Sowjetunion so nicht.

  4. …zu keinem Zeitpunkt fähig, mehr als 500 Panzer monatlich zu bauen…
    Ja- klar es waren weder genug Rohstoffe vorhanden die Panzer zu bauen, noch sie zu betreiben.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

  5. Zu diesem Thema empfehle ich allen Lesern das Buch von Albert Speer: „Spandauer Tagebücher“.
    Geschrieben auf Toilettenpapier im Spandauer Gefängnis, von seiner Frau herausgeschmuggelt und dann sauber abgetippt
    und Anfang der Siebziger Jahre veröffentlicht.
    Es gab bis zum Frühjahr 1943 überhaupt keinen Rohstoffmangel, denn die Wehrmacht stand tausende Kilometer weit in der Sowjetunion und beschlagnahmte alle Rohstoffe, d.h. die Bergwerke wurden weiter betrieben, oft mit Fachkräften aus Deutschland oder verbündeten Ländern.
    Denn die Rote Armee hatte die Gruben nicht nur gesprengt, sondern auch die Arbeitskräfte abtransportiert. Wer nicht wollte, wurde erschossen. Übrigens wurden die Insassen der Gefängnisse bei Stalins Rückzug fast ausnahmslos erschossen.
    Der Rohstoffmangel fand erst dann statt, als der Rückzug 1943 stattfand. Übrigens hatte Speer sofort nach seiner Amtsübernahme im Februar 1942 Hitler vorgeschlagen, in oder bei Breslau ein Panzerwerk zu bauen. Monatsproduktion sollte 400 Stck. betragen. Kostenpunkt: 100 Millionen Reichsmark monatlich und 100.000 Arbeitskräfte würden dauerhaft gebunden.
    Doch Hitler entschied sich dagegen, weil er die Offensive gegen den Wolgaraum im Blick hatte und mit der Eroberung von Stalingrad die Engländer zwingen wollte, dem Waffenstillstandsangeboten von 1940 zuzustimmen.
    Wären diese 400 zusätzlichen Panzer bei den schweren Kämpfen 1943 verfügbar gewesen und der dafür notwendige Benzintreibstoff auch, wäre vieles anders gekommen.
    Wäre aber dieses Werk nicht 1942 sondern bereits 1938 gebaut worden, welches wiederum vorausgesetzt hätte das Hitler 1938 schon gewusst haben müsste, das er 1939 einen großen Krieg beginnt, dann wäre sowieso alles noch anders gelaufen.

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