An diesem Tag
04.08.1914: Großbritannien erklärt Deutschland den Krieg


Am 04. August 1914 erklärte Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg. Aber welchen Grund hatten die Briten überhaupt, sich in einen Konflikt zwischen den Mächten Kontinentaleuropas einzumischen?

Großbritannien Deutschland Kriegserklärung 1914
Großbritannien Deutschland Kriegserklärung 1914, Bild: Gegenfrage.com

An diesem Tag im Jahr 1914 erklärte England Deutschland den Krieg. Am Abend des 04. August um 23:20 Uhr ging ein kurzes Telegramm von der britischen Regierung an die Armee: „War – Germany – Act“. Ab diesem Zeitpunkt befanden sich das British Empire und das Deutsche Reich im Kriegszustand.

Viele Historiker bewerten diesen Zeitpunkt als den Beginn der Ausweitung eines Europäischen Konflikts zum Ersten Weltkrieg. Das riesige, weltumspannende britische Imperium war eine Weltmacht, die mit diesem Konflikt zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn sowie Russland und Frankreich jedoch höchstens am Rande zu tun hatte. Als militärischer Rivale galt außerdem eher Russland statt Deutschland. Warum also erklärten die Briten den Deutschen überhaupt den Krieg?

Das Motiv, welches dafür in den meisten Dokumentationen herangezogen wird, ist ein Ultimatum, das London an Berlin stellte. Das Vereinigte Königreich hatte Belgien seit 1839 Neutralität zugesichert, welche von Deutschland verletzt wurde, als sie aufgrund des Kriegs gegen Frankreich die Grenze nach Belgien überschritten. Großbritannien sei aus Herzensgüte für die Unabhängigkeit der europäischen Kleinstaaten in den Krieg gezogen, heißt es oft.

Andere Historiker sagen, dass die Briten aus Solidarität zu Frankreich und Russland intervenierten. Frankreich war im 19. Jahrhundert sowohl in Afrika als auch im Fernen Osten ein ständiger Rivale Großbritanniens. Gleichzeitig standen die Briten in ständiger Konkurrenz zu Russland in Zentralasien und im östlichen Mittelmeer. Diese Differenzen waren allerdings durch Abkommen in den Jahren 1904 und 1907 beseitigt worden.

Welche Motive gab es für eine Kriegserklärung?

Der Krieg brach sicherlich nicht nur aufgrund eines Mordes oder eines bösen Kaisers aus. Ein wichtiger Hintergrund waren globale Machtverschiebungen, in der die Bedeutung der Briten schrumpfte und die der Deutschen wuchs. Britische Interessen wurden durch das Wachstum des deutschen Einflussbereichs in einem Ausmaß verletzt, sodass bis 1914 eine grundlegende Unvereinbarkeit zwischen den Positionen beider Länder bestand.

Bis 1914 produzierte Großbritannien weniger als die Hälfte des Stahls, den Deutschland produzierte. Nur noch ein Bruchteil (sieben Achtel) der britischen Rohstoffe, mit Ausnahme von Kohle, mussten importiert werden.

Deutschland hatte seinen wirtschaftlichen Einfluss zudem auf Lateinamerika und den Nahen Osten ausgeweitet. Dort hatten man die Verantwortung für den Bau der Eisenbahnstrecke Berlin-Bagdad übernommen und in Teheran eine erfolgreiche Bank gegründet.

Der wirtschaftliche Niedergang Großbritanniens war jedoch nicht von so großem Ausmaß, wie manche sagen. Großbritannien war immerhin Deutschlands wichtigster Handelspartner. Großbritannien besaß ein Drittel aller Schiffe, kontrollierte die Hälfte des Welthandels, war bekannt als der „Bankier der Welt“ und 22 der 40 internationalen Produzentenkartelle vor dem Krieg waren anglo-deutsch.

Tatsächlich wäre Deutschland ohne die Industrialisierung und den wirtschaftlichen Fortschritt wahrscheinlich nicht so bedeutend geworden und hätte die britisch dominierte Ordnung nicht in Frage gestellt.

Sicherlich war das gigantische deutsche Wirtschaftswachstum den Briten durchaus ein Dorn im Auge. Aber die amerikanischen und die japanischen Industrien wuchsen ebenfalls sehr stark, was hingegen keinen Krieg hervorrief. Tatsächlich verbesserten sich die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten, Japan und Großbritannien sogar.

Flottenbau

Das zentrale Thema der deutsch-englischen Rivalität, so glauben einige Historiker, war das deutsche Flottenbauprogramm. Nachdem Kaiser Wilhelm II. den Einfluss der britischen Seemacht auf den Verlauf der Geschichte analysiert hatte, glaubte er, ebenfalls eine solche Flotte aufzubauen, um Deutschland zur Weltmacht zu machen. Dies führte unweigerlich zu Spannungen mit Großbritannien.

Winston Churchill wies 1912 darauf hin: „Die britische Marine ist für uns eine Notwendigkeit und von einigen Seiten aus betrachtet ist die deutsche Marine für sie eher eine Art Luxus. Unsere Seemacht sichert die britische Existenz“.

Eine Sache, die möglicherweise einen Krieg zwischen Großbritannien und Deutschland auslösen konnte, war die deutsche Entscheidung, ein Wettrüsten der Seestreitkräfte in einer Situation zu beginnen, in der Großbritanniens Überleben auf dem Spiel stand. Die britische Sicherheit hing von der Kontrolle des Meeres ab.

Aber selbst der Aufbau einer konkurrierenden Flotte war an sich nicht genug, um den Krieg zwischen Deutschland und Großbritannien auszulösen. Denn gleichzeitig begannen die Vereinigten Staaten und Japan ebenfalls mit dem Aufbau einer großen Marine, was die Briten nicht störte.

Der Unterschied zwischen den Programmen Deutschlands, der Vereinigten Staaten und Japans lag in ihren Motiven und der Lage dieser Marinen gegenüber Großbritannien. Angeblich wurde die deutsche Marine aufgebaut, um die deutsche Handelsschifffahrt zu schützen.

Allerdings wollte man zusätzlich eine Art Gegengewicht zur englischen Flotte errichten, wie deutsche Generäle schon Ende des 19. Jahrhunderts zu verstehen gaben. Admiral von Tirpitz erklärte 1897, für Deutschland sei der gefährlichste maritime Feind Englands.

Der deutsche Admiralstab gab zu verstehen, dass man um den Zugang zum Ozean kämpfen werde. Im Gegensatz dazu waren die Flotten der Vereinigten Staaten und Japans nicht gegen Großbritannien, sondern eher gegeneinander gerichtet. Sie stellten daher keine so große Gefahr dar wie die deutsche Marine. Es handelte sich um eine rein geografische Frage.

Der britische Admiral Fisher erklärte gegenüber dem König, dass „Deutschland seine gesamte Flotte innerhalb weniger Stunden vor England konzentrieren“ könne. Die Vereinigten Staaten und Japan hätten diese Möglichkeit hingegen nicht.

Szenarien

Zwar beendete Deutschland sein Wettrüsten mit den Briten durch die Flottennovelle im Jahr 1912 offiziell. Doch ging man davon aus, dass die Deutschen es nach einem Sieg über Frankreich und Russland und einer großen Ausweitung ihrer Macht in Europa fortsetzen würden. Und hier kommt ein mögliches Motiv Englands für die Kriegserklärung ins Spiel.

Der deutsche Ausbau der Marine führte zu unvereinbaren Konflikten. Die Briten waren nicht bereit, ihre Kontrolle über das Meer aufzugeben und die Deutschen waren nicht bereit, ihre Wünsche an den Briten auszurichten.

Britische Experten gingen von einer Niederlage Frankreichs gegen Deutschland aus. Russland hätte im Alleingang wohl wenig Chancen auf einen Sieg gesehen und den Frieden gesucht. Die Küste des Kontinents, die vom Atlantik bis zur Ostsee verläuft, wäre effektiv unter deutsche Kontrolle geraten und hätte Großbritannien in große Unsicherheit gebracht. Dieses Szenario erachtete man in London als sehr wahrscheinlich.

Ein weiteres Szenario wäre gewesen, dass Frankreich und Russland die Deutschen im Alleingang besiegen und Großbritannien daraufhin nicht mehr als befreundete Macht, sondern als irrelevant oder schlimmstenfalls als Kontrahenten sehen würden.

Wie der Krieg auch ausgehen sollte, für Großbritannien bedeutete er aus strategischer Sicht eine Katastrophe und man sah sich gezwungen einzugreifen. Letztendlich führte der Erste Weltkrieg nach der Niederlage Deutschlands zum Zweiten Weltkrieg und kostete die Briten trotzdem ihr imperiales Weltreich. Damit begann eine neue Ära: das Zeitalter der Vereinigten Staaten von Amerika.

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