"Operation Ossawakim"
28.10.1946: Top-Raketenforscher Gröttrup trifft in Moskau ein


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Am 28. Oktober 1946 traf der deutsche Top-Raketenforscher Helmut Gröttrup in Moskau ein. Die Sowjetunion deportierte im Rahmen der „Operation Ossawakim“ insgesamt 2.000 deutsche Spezialisten.

Helmut Gröttrup
Sowjetische S-75 Rakete, entwickelt 1953, Archivfoto, Bild: Gegenfrage.com

Im Oktober 1946 wurden die besten deutschen Ingenieure, die für das sowjetische Raketenprogramm arbeiteten, in Zügen an verschiedene Standorte in der UdSSR deportiert. Am 28. Oktober traf der deutsche Ingenieur Helmut Gröttrup in Moskau ein, um sowjetischen Spezialisten bei der Organisation der Raketenproduktion und -entwicklung zu helfen.

Gröttrup war Assistent von Wernher von Braun, mit dem er die berühmte deutsche V2-Rakete entwickelt hatte. Wernher von Braun wiederum wurde in die USA gebracht, um dortigen Spezialisten bei der Entwicklung von Raketen zu helfen.

Zu Beginn des Jahres 1947 hatten die Sowjets alle Raketenwerke aus sowjetisch besetzten Gebieten in Deutschland an geheime Orte in der UdSSR ausgelagert. Bereits im Herbst 1947 startete das sowjetisch-deutsche Team elf Raketen des Typs A-4 in der Nähe des Dorfes Kapustin Yar in den Steppen, nördlich des Kaspischen Meeres. Fünf der Teststarts verliefen erfolgreich.



Dies veranlasste die Sowjets, die Deutschen von der Raketenentwicklung abzuziehen und sie anderweitig zu beschäftigen. Damit sollten deren Kenntnisse über die Raketentechnologie veralten. Gröttrup und andere Forscher blieben noch einige Jahre in Russland, ehe sie nach Deutschland zurückkehren durften.

Ankunft Gröttrups in Moskau

Die sowjetischen Besatzer deportierten zahlreiche deutsche Raketenwissenschaftler in die UdSSR. Die tatsächliche Anzahl der deportierten Top-Spezialisten betrug 177 Personen. Darunter 24 Personen mit Doktorgrad, 17 Personen mit Master-Abschlüssen, 71 Personen mit Ingenieursabschlüssen und 27 Arbeitern.

Insgesamt 136 Personen wurden von einem neu gegründete Forschungsinstitut namens NII-88 angestellt. Die Gesamtzahl deutscher Staatsbürger unter der Verantwortung von NII-88 erreichte 495 Personen, inklusive Familienmitglieder. Insgesamt wurden rund 2.000 deutsche Fachkräfte im Rahmen der geheimen „Operation Ossawakim“, ähnlich der US-Operation Paperclip, in die Sowjetunion verschleppt.

Der Zug der Gröttrups erreichte Moskau am 28. Oktober 1946. Nach der Ankunft in der UdSSR wurden 73 Spezialisten der NII-88 auf die Insel Gorodomlya im Seliger See nordwestlich von Moskau verschifft.

In den ersten Monaten in der UdSSR blieb der Rechtsstatus der deutschen Spezialisten ungewiss. Die sowjetischen Behörden waren sich seinerzeit noch nicht im Klaren, wie sie ihre Gefangenen behandeln sollten. Die Deutschen hatten weder Pässe noch andere Dokumente und konnten in den ersten beiden Monaten in der UdSSR keine Briefe nach Hause schicken.

Schlampiger Transport

Die größte Frustration für die deutschen Spezialisten in Russland war jedoch nicht der Mangel an Freiheit oder die schlechten Lebensbedingungen, sondern das Chaos bei der Arbeit. Den Zustand der Einrichtungen bezeichneten die Forscher als schockierend.

Statt das Equipment aus den deutschen Forschungseinrichtungen fachgerecht zu transportieren, luden die Sowjets wichtige Hardware auf auf dem verschneiten Boden entlang der Bahnstrecken ab, wodurch empfindliche Geräte beschädigt und teilweise unbrauchbar wurden.

In den Laboren fehlte es an nötigem Werkzeug und Materialien. Zahlreiche wichtige Dokumente für den Raketenbau gingen beim Transport verloren. Gröttrup legte Protest gegen die Arbeitsbedingungen und gegen seine Deportation generell ein. Dies wiesen die sowjetischen Behörden jedoch am 06. Dezember 1946 zurück.

Man stellte klar, Moskau habe das Recht, die Deutschen für den Wiederaufbau des Landes zu deportieren. Gleichzeitig erhielt Gröttrup eine Warnung, dass man ihn in die Region Ural schicken werde, falls er nicht kooperiere.

Gröttrup streikt

Ende April 1947 streikte Gröttrup aufgrund der Bedingungen und der mangelnden Kooperation seiner sowjetischen Kollegen. Er reichte seinen Rücktritt als Forschungsleiter ein. Dieser Protest war sicherlich ein sehr mutiger Schritt im stalinistischen Russland, schreibt Russian Space Web (s. Quellen).

Überraschenderweise bot NII-88 den deutschen Angestellten im Mai 1947 offizielle Gehälter an. Helmut Gröttrup war mit monatlich knapp 8.500 Rubel der mit Abstand am höchsten bezahlte Raketenwissenschaftler in der UdSSR. Dies entsprach damals etwa 300 US-Dollar, laut der Dollar Times so viel wie rund 3.500 Dollar im Jahr 2017.

Anfang der 1950er Jahre stellten sowjetische Wissenschaftler die R-1-Rakete fertig. Dabei handelte es sich um eine Weiterentwicklung der deutschen V2. Im August 1957 testeten sie erfolgreich die atomwaffenfähige Interkontinentalrakete R-7, die größtenteils auf der Erfahrung und Unterstützung von deutschen Wissenschaftlern beruhte, wie die englische Wikipedia schreibt.

Gröttrup kehrt nach Deutschland zurück

Ende 1953 kehrte Helmut Gröttrup zusammen mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Über seinen Aufenthalt in der Sowjetunion mussten seine Familie und er schweigen. Das russische Raketenprogramm profitierte in hohem Maße von der Arbeit des deutschen Top-Spezialisten.

Zurück in Deutschland entwickelte Gröttrup die elektronische Chipkarte, die er 1968 patentieren ließ. Zeitweise meldete er im Monatstakt Erfindungen an, darunter Drucker, elektronisch kodierte Zugangssysteme, Geldscheinprüfgeräte oder Rechenmaschinen.

Er forschte auch an der drahtlosen Datenübertragung und legte damit den Grundstein für heute verwendete Kommunikationstechnik. 1980 ging Gröttrup in den Ruhestand, 1981 verstarb er.

Quellenangaben anzeigen
russianspaceweb, dollartimeswikipedia (soviet ruble), wikipedia (r-7)

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