Die PIGS sind eigentlich die "PIGSBISGULIWURM"


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Alle Welt spricht von Griechenland. Nachdem die internationale Ratingagentur Fitch das Landesrating Anfang des Monats von „BBB+“ auf „BBB-“ gleich um zwei Stufen senkte, schien Griechenland aufgrund der nun noch weiter steigenden Zinsen in seinen Schulden zu ertrinken. Der Zinssatz für griechische Bonds mit zwei Jahren Restlaufzeit legte am Donnerstag auf 10,104 Prozent zu. Der Spread zehnjähriger griechischer Staatsanleihen im Vergleich zur entsprechenden Bundesanleihe stieg auf ein Zwölf-Jahres-Hoch von 564 Basispunkten. Das bedeutet, dass die Absicherung von 1 Milliarde Euro an Staatsanleihen den griechischen Steuerzahler jährlich 56,4 Millionen Euro mehr kostet.

Am Freitag bat der sozialistische Regierungschef Giorgis Papandreou die Euro-Partnerländer und den Internationalen Währungsfonds (IWF) offiziell um Hilfe: „Es ist zwingend, dass wir um die Aktivierung des Rettungsmechanismus bitten“, sagte er in einer Fernsehansprache.

Das klingt alles sehr gruselig, doch glücklicherweise gibt es ja noch die anderen europäischen Staaten. Frankreich, Italien, Deutschland und Spanien erklären sich solidarisch, der IWF wird mit ins Boot geholt und alle Welt scheint sich wieder entspannt zurückzulehnen. Zwar schmerzt das alles ein wenig und man ärgert sich hier und da – schließlich wurden uns vor den Bundestagswahlen satte Steuerentlastungen versprochen, die nun wegen 55-jährigen griechischen Rentnern wohl auf 2012 verschoben werden – doch alles in allem wird es so wohl am besten sein. Bald kommt der heiß ersehnte europäische Aufschwung, der die Karre aus dem Dreck ziehen und uns weitere 60 Jahre Fettlebe bescheren wird. Auf der Website der CDU verkündet man bereits „Der Aufschwung kommt an„.



Voraussetzung für einen Aufschwung ist allerdings, dass nach dem Griechenland-Bailout Schluss ist und sich die Auftragsbücher wieder füllen. Doch wie sieht es denn konkret in anderen europäischen Staaten aus? Ist danach wirklich Ruhe, oder folgen dann weitere Überraschungen? Sehen wir uns die europäischen Staaten inner- und außerhalb der Eurozone ein mal etwas näher an.

Spanien

Bis vor einigen Jahren war Spanien noch eine der treibenden Kräfte innerhalb Europas, mit enormen Zuwächsen. Es wurden sogar regelmäßig Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet. Im Dezember 2008 waren durch die Krise bereits 26 Prozent der Spanier direkt oder indirekt von Arbeitslosigkeit betroffen, inzwischen sind es sogar 39 Prozent. Das Haushaltsdefizit wächst kontinuierlich und lag in 2008 deutlich über 11% des Bruttoinlandsprodukts.

Italien

Sehr hohe Schuldenquoten hat Italien mit rund 115 Prozent des BIP. Auch hier gibt es keinen ausgeglichenen Haushalt: Es wurden letztes Jahr 5,3% mehr ausgegeben als eingenommen.

Portugal

Ein großer Haufen Schulden ist auch hier zu finden: 76,8 Prozent des BIP hat sich der Staat inzwischen aufgeladen. Auch hier wurden letztes Jahr satte 9,2 Prozent mehr ausgegeben als verdient.

Ungarn

Bereits im Oktober 2008 gewährte der IWF einen Kredit in Höhe von 20 Milliarden Euro. 20% aller Hausbesitzer droht die Zwangsversteigerung des Eigenheims. Ungarns sozialistische Regierung gab Geld aus wie der feinste skandinavische Sozialstaat. Das aber, wie Spötter sagen, mit der Effizienz von Simbabwe. Nur jeder sechste Haushalt ist überhaupt in der Lage, Geld anzusparen. Laut unabhängigen Ökonomen bezahlen nur 2,3 Millionen der insgesamt rund 10 Millionen Ungarn Einkommenssteuer, dem gegenüber stehen drei Millionen Rentner, über 600.000 Arbeitslose und Hunderttausende Mindestlohnarbeiter. Die Staatsverschuldung beträgt rund 80 Prozent des BIP. Ein Beitritt zur Eurozone ist in Planung.

Ukraine

Im November 2008 bekommt die Kiew einen IWF-Kredit über 12,2 Milliarden Euro zu den üblichen Bedingungen: strikte Sparmaßnahmen. Kiew kann die Bedingungen nicht einhalten – Ende 2009 stoppt der IWF darum die Auszahlungen. Die Ukraine will nun einen neuen Kredit in Höhe von zwölf Milliarden US-Dollar beantragen.

Island

Im Zuge der Finanzkrise hatten Sparer aus Großbritannien und den Niederlanden bei der Icesave-Direktbank mehr als 3,5 Milliarden Euro verloren. Beide Länder entschädigten die Anleger und fordern das Geld von der isländischen Regierung zurück. Neben Milliarden-Krediten des IWF kann Island in diesem Jahr auch auf Kredite aus Dänemark zählen um den Staatshaushalt wieder in den Griff zu bekommen.

Lettland

Das ebenfalls schwer von der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffene Lettland bekommt im Dezember 2008 Hilfen in Höhe von 7,5 Mrd. Euro. EU, Schweden und IWF legen zusammen, die Regierung in Riga muss harte Sparmaßnahmen zusichern.

Weißrussland

Im Jahre 2009 erhält Minsk 3,5 Milliarden Dollar Soforthilfe von IWF um eine Staatspleite abzuwenden.

Rumänien

IWF, EU und Weltbank schnüren im Jahre 2009 zusammen mit weiteren Kreditgebern ein Hilfspaket für Rumänien von über 20 Milliarden Euro.

Serbien & Bosnien

Der IWF stellt 2009 Nothilfen für das krisengebeutelte Belgrad in Höhe von 3 Milliarden Euro zur Verfügung. Auch in Sarajevo ist Not am Mann: 1,15 Milliarden Euro gibt der IWF frei um eine Zahlungsunfähigkeit abzuwenden.

Moldawien

Spätestens seit Januar 2010 darf sich Europa mit Moldawien über ein weiteres Sorgenkind freuen. In dem kleinen Land in Osteuropa leben rund 3,4 Millionen Menschen. Exportiert werden in erster Linie Wein und andere Güter aus dem Agrarsektor. Der IWF stellt 425 Millionen Euro bereit, um das Land vor dem Bankrott zu bewahren. Durch eine Sondervereinbarung müssen erst ab Ende 2011 Zinsen bezahlt werden.

Großbritannien

Die Gesamtverschuldung der Inselnation – also die Schulden von Staat, Unternehmen und Private – liegt bei etwa 460 Prozent der gesamten Wirtschaftskraft. Theoretisch müsste jeder Brite also mehr als viereinhalb Jahre arbeiten, nur um die Verbindlichkeiten zu begleichen. Und der Schuldenberg wächst weiter rasant. Die Haushaltslage hat griechische Verhältnisse erreicht oder sogar überschritten, das britische Pfund verkommt zur Weichwährung, außerdem wurde letztes Jahr 11,5 Prozent mehr ausgegeben als eingenommen.

Irland

Den höchsten Fehlbetrag in seinem Staatshaushalt weist für 2009 Irland mit 14,3 Prozent aus. Der Schuldenstand ist während der Krise von 25 auf 64 Prozent geschnellt.

Die Nettozahler

Kein einziger Staat der EU bzw. in Europa hat letztes Jahr gewinnbringend gehaushaltet. Am besten sieht’s in Schweden aus, wo immerhin nur 0,5 Prozent mehr ausgegeben als eingenommen wurde. Norwegen hat nach Japan die zweithöchste staatliche Pro-Kopf-Verschuldung der Welt. Für Dänemark wird 2010 ein Defizit von 4,8 Prozent erwartet, für Deutschland 5 Prozent, Frankreich 8,2 Prozent, Österreich wie auch Tschechien 5,5 Prozent, Belgien 5,8 Prozent, die Niederlande 6,1 Prozent und für Finnland 4,5 Prozent.

Den EU-Staaten werden für das Jahr 2010 im Schnitt 7,5 Prozent Budgetdefizit des Bruttoinlandprodukt vorhergesagt. Es wird also voraussichtlich 7,5 Prozent mehr ausgegeben als eingenommen.

Die Schweiz wird 2010 einen Überschuss von 2,1 Prozent erwirtschaften, wenn man den (schweizer) Prognosen Glauben schenkt. Die schlechte Nachricht: Das wird europäischen und EU-Staaten wohl kaum etwas nützen.

Die „gute“ Nachricht: Woanders ist es auch nicht besser. Für die USA wird 2010 ein Defizit von saftigen 13 Prozent des BIP erwartet.

Die PIGS sind eigentlich die „PIGSBISGULIWURM“

Wir haben es also genaugenommen nicht nur mit den PIGS zu tun, sondern mit einem Kollektiv namens PIGSBISGULIWURM, welches noch gerettet werden muss. Und zwar von Staaten, die selbst längst nichts mehr verdienen und bei näherer Betrachtung ebenfalls pleite sind. Für den deutschen Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle aber ist die Wirtschaftskrise bereits überwunden. Er sieht Deutschland sogar wieder auf dem Wachstumspfad. Lassen wir uns überraschen. Die Zahlen sprechen jedenfalls eine andere Sprache.

Quellen: Griechische Anleihen fallen ins Bodenlose, Griechische Tragödie bringt Euro zu Fall, Ein großer Sanierungsfall, Griechen brauchen erste Finanzspritze noch vor Mitte Mai, Ukraine will vom IWF weitere zwölf Milliarden Dollar leihen, Dänemark gibt nach IWF-Hilfe für Island Kredite frei, Nun droht auch Großbritannien ein Kurs-Massaker, In Spanien bahnt sich das nächste Drama an, Wirtschaftskrise und das Risiko Spanien, Ländervergleich, Budgetdefizit für 2010 – Budget Schweiz und EU Staaten, Defizit der Euro-Staaten steigt auf 6,3 Prozent, Brüderle sieht Krise überwunden

4 Comments

  1. Norwegen hat die zweitgrößte staatliche pro Kopf Verschuldung der Welt? Gibts dazu Quellen?

    Zitat CIA Worldfactbook:
    Public debt:
    60.2% of GDP (2009 est.)
    country comparison to the world: 30

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