Auswandern – Verrat an der Heimat?


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Auswandern – Verrat an der Heimat? Eine gute Frage. Das zu analysieren, da muss man schon tiefer ansetzen. Es stellt sich erstmal die Frage, was man unter dem Begriff Heimat versteht, – da gibt es unterschiedliche Interpretationen darüber.

Auswandern – Verrat an der Heimat?
Auswandern – Verrat an der Heimat? Foto: Gegenfrage.com

Ich persönlich definiere den Begriff Heimat folgendermaßen: Fälschlicherweise setzen viele den Begriff „Heimat“ gleich mit dem Begriff „Zuhause“. Das ist falsch. Zuhause kann ich an vielen Orten der Welt sein, kann mich dort mit Freunden und Bekannten wohlfühlen, ich kann Gefallen an der Gegend finden, und noch so manches mehr. Heimat aber hat man nur eine.
Heimat erwirbt man in der Regel nur durch einen eindeutigen Vorgang, nämlich durch die Geburt. In seltenen Fällen kann man die Heimat auch durch Heirat erwerben, aber das ist schon die Ausnahme.

Wie erwirbt man aber eine andere, eine neue Heimat, wenn man sich mit der alten Heimat nicht mehr identifiziert oder sie verloren hat? Früher gabs die Möglichkeit durch Feuer und Schwert, also durch Eroberungen. Das ist Gottseidank vorbei. An diese Stelle ist aber etwas anderes getreten: Das persönliche Engagement. Ich kann mir diese neue Heimat dadurch erwerben, indem ich mich für dieses Land/seine Menschen/seine Kultur/seine Interessen in einer Intensität engagiere, bis mich dieses Land als einen Teil seiner selbst anerkennt.

Sowas kann viele Jahre dauern, auch Jahrzehnte. Letztlich aber führt es zur entscheidenden Frage, die ich immer wieder vielen Leuten gestellt habe, die aus anderen Ländern nach Österreich oder Deutschland gekommen sind. Oftmals habe ich gefragt, wie es ihnen so gefällt, – und die Antwort war meistens ähnlich: Ja, es ist schön, wir haben alles, was wir brauchen, alles ist so sauber, die Leute sind nett, usw.

„Dort, wo ich auch begraben werden will, habe ich meine Heimat“

Aber dann kommt meine spontane Frage, die diese Einwanderer oft unvorbereitet trifft: „Willst Du auch hier begraben werden?“ . Da zögern viele mit der Antwort, – viele weichen dann aus, oder wissen keine Antwort darauf. Für mich ist das aber ein eindeutiger Indikator. Dort, wo ich auch begraben werden will, habe ich meine Heimat. Entweder meine angestammte, oder eine neue Heimat, mit der ich mich identifizieren kann.

Man bekommt keine „neue Heimat“, indem man jemanden die dazugehörige Staatsbürgerschaft überstülpt. Dadurch wird sich niemand mit dieser neuen Heimat identifizieren, – das beste aktuellste Beispiel war der Fall Özil.

Was viele außer acht lassen, ist die Problematik des Verlustes der Heimat. Nur derjenige, der seiner Heimat den Rücken gekehrt hat, kennt den Spruch: Die Heimat ist mir fremd geworden, aber die Fremde ist mir nicht zur Heimat geworden. Dabei hat kurioserweise derjenige, der seine Heimat verlassen musste (z.B. Krieg, Vertreibung, etc.) noch eine bessere Ausgangssituation als derjenige, der sie freiwillig verlassen hat.

Der Vertriebene kann und wird immer sagen, – ich wäre ja heute noch in meiner Heimat, wenn man nicht vertrieben hätte. Derjenige, der die Heimat aus eigenem Antrieb verlassen hat, kann immer nur sich selbst die Schuld dafür geben. Viele zerbrechen auch an dieser Schuld. Aus naheliegenden Gründen und aufgrund meiner damaligen Kontakte zu Vertriebenen in Deutschland kenne ich viele Einzelschicksale der Deutschstämmigen aus Siebenbürgen. Die Selbstmordrate dieser Leute, die nach Deutschland ausgewandert sind, ist und bleibt ein Tabuthema, über das man nicht spricht……

Nun aber zur Gegenüberstellung des Titels „Auswandern – Verrat an der Heimat?“. Natürlich kann ich das nur aus meiner persönlichen Sicht bewerten; aber es ist als Betroffener sehr schwer, hier über den berühmten Tellerrand drüber zu sehen.

Ich bin eigentlich zweimal ausgewandert. Als gebürtiger Wiener verbrachte ich die ersten zwei Jahrzehnte meines Lebens in meiner Vaterstadt, absolvierte den Militärdienst und erkundete „die Welt“. Genauer gesagt, überwiegend Skandinavien. Dann blieb ich in Deutschland hängen, machte in Stuttgart-Hohenheim in meinem Beruf meinen Abschluss und lernte in dieser Zeit meine erste Frau kennen. Heirat und zwei Kinder folgten danach. Aus verschiedenen Gründen, auf die ich hier nicht eingehen will, trennten wir uns, nachdem die Kinder groß waren und Abitur sowie Lehre abgeschlossen hatten.

Besuch in Siebenbürgen

Später lernte ich meine jetzige Frau kennen, eine Rumänin, auf einem Besuch in Siebenbürgen. Nach dem Fall des Kommunismus zog sie zu mir nach Deutschland, wo unser Jüngster geboren wurde. Danach stellten wir uns die Frage, was wir in Zukunft weiter realisieren wollten. Sie als Rumänin genauso wie ich als Österreicher in der Fremde, sollten wir bleiben oder weggehen, – aufgrund eines Rates eines mir bekannten Volksschuldirektors in Deutschland fiel die Wahl auf Siebenbürgen.

Der Direktor meinte, – wenn ich was Optimales für unser Kind erreichen will, dann sollte ich mir eine deutsche Auslandsschule suchen. Die Strukturen waren in der Heimatstadt meiner Frau noch vorhanden, und so wurde das in die Tat umgesetzt. Die Erwartungen, besonders was unseren gemeinsamen Sohn betrifft, sind übrigens zur Gänze aufgegangen. Soviel zum Werdegang.

Die Frage steht im Raum, wie man sich als jemand, der die Heimat hinter sich gelassen hat, fühlt. Als ich von Wien weggegangen bin, faszinierte mich die in Deutschland übliche Praxis, jemanden nur nach der Leistung zu beurteilen und diese auch so zu vergüten. Es spielte keine Rolle, ob man groß oder klein, dick oder dünn war, auch die in Österreich damals noch übliche Mentialität des „Herrn Hofrates“ kannte man in der neuen Umgebung nicht.

Dazu waren die 70er Jahre die legendäre Aufbruchsstimmung in Europa, man verdiente sein Geld mit beiden Händen, – oftmals mehr, als man ausgeben konnte. Klar fuhr man am Anfang noch zum gewohnten Frisör nach Wien, um die Haare zu schneiden, – aber die Besuche in der Heimatstadt wurden mit der Zeit weniger. Man lebte sich ein, es ging nicht nur mir so, sondern auch meinen Kommilitonen aus Wien, die so wie ich in Deutschland lebten.

Die familiäre Bindung bewirkte noch ein Zusätzliches, – dazu kam die Einbindung in Vereinen, mein Engagement in der Jugendarbeit, etc. Allerdings kam dann mit der Zeit ein seltsames Gefühl auf, wenn man dann doch wieder heimgefahren ist, gewissermaßen auf Besuch. Man ging durch Straßen, in denen man als Kind gespielt hat, und kommt sich fremd vor. Dort, wo man früher die Milch gekauft hat, ist nun ein PC-Laden, – wo der Schuster war, ist ein Sex-Shop, der Laden vom Frisör ist geschlossen, usw.

Gefühl der Wehmut

Es machte sich ein seltsames Gefühl der Wehmut breit, – man fühlte, dass man in der Stadt, in der man geboren wurde, plötzlich fremd ist. Natürlich hatte man einen kleinen Ersatz in den Menschen gefunden, mit denen man in Deutschland verbunden war, – aber es blieb ein Defizit. Das bestand hauptsächlich darin, dass ich zum Land, zum Boden, zur sprichwörtlichen Scholle nie einen Bezug aufbauen konnte.

Ich erinnere mich noch gut daran, als wir dann begannen, den Umzug von Deutschland nach Rumänien vorzubereiten. Auch hier war viel Wehmut spürbar, – aber in erster Linie, was den Abschied von den vielen Freunden und Bekannten betraf, die man in diesen drei Jahrzehnten gewohnt war. Klar wurden da auch mal die Augen feucht, – aber immer nur, was die Menschen betrifft, – das Land selbst stellte für mich kaum was dar.

Anders ging es mir in Siebenbürgen. Nicht nur, dass ich schon lange vor dem endgültigen Umzug eine seltsame Art der Affinität spürte, die ich mir nicht erklären konnte, – das Land und die Leute sprachen mich einfach an. Es kam mir vor, – sofern man an die Reinkarnation glaubt – dass ich in früherer Zeit schon mal hier gelebt hätte. Klar war die Sprache anfangs eine Barriere, – aber durch das Latein damals auf dem Gymnasium kam ich schnell hinein.

Oftmals habe ich mich gefragt, was mich eigentlich an diesem Land so fasziniert. Eine mögliche Erkärung wäre, dass man in diesem Land kaum etwas Lauwarmes bemerkt. Entweder ist es heiß oder kalt. Genauso war mein bisheriges Leben. Entweder war ich oben oder unten, – in der Mitte nur selten.

Nach nunmehr 15 Jahren in diesem Land stellte ich mir natürlich auch die Frage, die ich in Deutschland anderen gestellt habe, – nach der letzten Ruhestätte. Ja, ich möchte auch hier begraben werden, ich fühle mich hier zuhause. Ob mich irgendwann das Land als zugehörig akzeptiert hat, wird sich dann herausstellen, wenn ich von dieser Welt abtrete. Die Leute, mit denen ich Umgang habe, die Nachbarn, etc. – haben mich schon lange als einer der ihren akzeptiert. Als Musiker singe ich auch einige rumänische Lieder. Jemand meinte dann, – er hätte schon so manchen Ausländer rumänisch singen gehört, aber bis jetzt noch niemanden, der so wie ich mit „rumänischer Seele“ singt.

Freier als in Deutschland

Was dafür verantwortlich war, – ich weiß es nicht so ganz. Fest steht, dass ich mich hier freier fühle, als es in Deutschland der Fall war. Die Meinungsfreiheit- gerade politischer Art – ist hier noch vorhanden, die Reglementierung durch Brüssel bemerkt man nur am Rande, wenn sie nicht ohnehin ignoriert wird. Hier schlachte ich noch mein Schwein selbst in unserm Hof, ich hole mir die unbehandelte Milch direkt vom Bauern, ich brenne meinen eigenen Schnaps, verwende nach wie vor meine Glühbirnen auch im 100 und 150W Bereich, ohne mich mit Quecksilber vergiften zu müssen. Alles Dinge, die in Deutschland nicht mehr möglich sind.

Was aber wesentlich ist, – hier in der Diaspora gilt das Deutschtum noch etwas. Es ist zwar auch eine Verpflichtung, – weil man von einem Deutschstämmigen eine höhere und qualitativ bessere Leistung erwartet, – aber man lebt das Deutschtum wesentlich bewusster als in Deutschland. Eine Interpretation in der Art, – „ja, ich bin Deutscher, aber ich kann nichts dafür“, ist hier fremd. Dazu kommt die Erkenntnis, dass man als Österreicher, als Deutscher, als Schweizer und natürlich als deutschstämmiger Siebenbürger klar definierbare Gemeinsamkeiten hat. Diese haben hier eine nachvollziehbare Bedeutung, und man realisiert die Bedeutung des 3. Oktober genauso wie des 26. Oktober, – obwohl das eine offiziell nur Deutschland und das andere Österreich betrifft.

In der letzten Zeit kommt natürlich auch die Immigrationspolitik als Argument zum Tragen. Zumindest für viele, die aus Deutschland oder Österreich hier in Siebenbürgen Anwesen kaufen und sich hier niederlassen. Die meisten haben keinerlei Wurzeln in diesem Land, – aber den gemeinsamen Wunsch, ihre Rente und ihren Lebensabend hier zu verbringen. Sie finden es als befreiend, wenn es hier keine Moscheen und keine Kopftücher gibt. Dazu ist die Kriminalität gerade hier in der Provinz auf dem untersten Level, – was bewirkt, dass man auch nachts ohne Angst alleine durch die Straßen gehen kann, auch als Frau.

Parallelen zu 1933

Nun zur Überschrift, – ob es ein Verrat an der Heimat ist, wenn man auswandert. Es wäre ein Verrat, wenn es starke Kräfte geben würde, die sich gegen die Vorgabe von oben stellen würden. Tatsache aber ist, dass die Pfarrerstochter im Vergleich zu den anderen Parteien immer noch die meisten Stimmen bei der Wahl bekommt, – und genau das erinnert an 1933. Die zunehmende Beschneidung der Meinungsfreiheit und Verunglimpfung von Andersdenkenden mit Worten wie „braunes Gesocks“ etc., nur einfach deshalb, weil sie mit der Regierungsrichtung nicht einverstanden sind, das gibt zu denken.

Es ist dasselbe Denken wie in der Nazi-Diktatur, nur andersrum. Aber es ist eine gefährliche Richtung, die da eingeschlagen wird. Das Problem dabei ist, dass nur wenige des Kaisers neue Kleider erkennen und danach handeln. Dem stellt man gerade als Familienvater gegenüber, was man denn als optimale Ausgangsbasis für die Zukunft der Familie bieten kann. Es sind sicher noch viel mehr Überlegungen, die jemanden zur Auswanderung bewegen, – aber in dieser Richtung findet man die überwiegenden Argumente.

Schließlich gibt es einen Gebetsspruch von Franz von Assisi, der auch bei uns im Esszimmer hängt, der da lautet: „Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann und gib mir die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen zu unterscheiden.“

Vielleicht noch zu einer abschließenden Überlegung, – nämlich zu der Frage, ob ich dasselbe nochmal machen würde, wenn ich die Wahl hätte, – nämlich nach Rumänien zu übersiedeln. Die Antwort ist für mich klar: Ja, ich würde es wieder tun, nur würde ich in Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten vieles anders machen. Aber ich denke, das geht jedem so, der mal ausgewandert ist.

4 Kommentare

  1. Ich möchte zuerst mal sagen, dass die Idee mit der Nachfrage wo man begraben werden soll eine sehr Gute ist, die ich wahrscheinlich auch anwenden werde. Allerdings gilt die Einschränkung, dass man in irgendeiner Form gläubig sein muss. Einem Athäisten wie mir ist es egal wo man begraben wird.
    Ich selber bin aus dem Schwabenland nach Siebenbürgen gezogen und sehe da einige Dinger anders als im Bericht oben. Zuerstmal sind, in meiner Wahrnehmung, die meisten hier ansässigen Deutschen, die keine Wurzeln im Lande haben aus geschäftlichen Gründen hier her gekommen. Ich kenne niemanden, und ich bin ganz gut vernetzt, der aus D. wegen der unsicheren Lage geflüchtet ist. Es macht auch bei den meisten Menschen keinen Sinn. Aus D. in ein Land zu flüchten in dem man von aussen denkt es wäre unsicherer. Was es in meiner Wahrnehumung nicht ist. Es dürfte der gleiche Level sein mal von den Straßen abgesehen.
    Auch kann ich nicht ins Ausland gehen und hier das Deutschsein pflegen. Ich kann nicht in D. verlangen, dass sich Ausländer anpassen und dann selber ins Ausland gehen und verlangen, dass die Leute sich Deutsch verhalten oder auch nur ich mich als Deutscher aufspiele. Auch dann nicht wenn ich den Deutschen Weg für den Richtigen halte. Man denke nur, ein Syrer in D. kommt ständig zu spät und belehrt dann die Deutschen, dass sie sich an ihn anzupassen hätten. Genaus kann ich einen Rumänen nicht angehen weil der unpünktlich ist, das ist hier eben so.
    Am Rande, das gilt nicht für eine Firma die für D. produziert. Hier müssen die Produkte dem Deutschen Standard entsprechen.
    Auch möchte ich zu den beeinflussten Medien noch sagen, dass ich mich auch in den Rumänischen Medien auf dem laufenden halte, da es auch dazu gehört sich in die politische Landschaft einzuarbeiten. Wer danach noch über die Deutsche Medienlandschaft schimpft hat sich nicht mit denen, in dem Lande er lebt, beschäftigt. Als Deutscher ist es fast nicht zu glauben wie manipuliert auf einem ganz einfachen Level und auch wie niveaulos die komplette Landschaft sein kann. Leider integrieren sich auch hier die wenigsten Deutschen, man schimpft lieber über Leute in D. die das nicht tun was man selber aus Ausländer auch nicht tut.
    Zur Überschrift auch noch; Es ist natürlich kein Verrat an D. aus dem ganz einfachen Grund, dass wir Deutschen hier dadurch das wir uns integrieren ohne unsere Wurzeln aufzugeben die beste Werbung für Deutschland machen. Für das Aussenbild von D. sind wir emens wichtig, da man an uns „Ausländern“ misst wie sich „der Deutsche“ verhält.

    Ich möchte noch ausdrücklich sagen, dass meine Zeilen nicht gegen den Author gehen. Ich kenne ihn nicht persöhnlich und würde mir aus dem Text oben auch nicht anmaßen ihn anzugehen. Ich bin seit 10 Jahren in Siebenbürgen und habe hier viele Deutsche, Schweizer und Österreicher getroffen und beziehe meine Meinung aus dem Pool der Leute die ich kenne.

  2. Hallo, Jens,
    (ich hoffe, ich darf Dich in der forumsüblichen Sprache so ansprechen),
    ich hab Deine Zeilen mit Interesse gelesen.

    Generell sehe ich den Inhalt nicht als Kritik, sondern als eine andere Sichtweise, was zum einen persönliche, aber auch lokal bedingte Gründe haben kann.

    Darüber hinaus habe ich überhaupt kein Problem mit Kritik, im Gegenteil. Sie ist für mich eher befruchtend. Dabei überdenke ich meine Meinung, manchmal korrigiere ich sie, manchmal wird sie aber auch dadurch bestätigt.

    Dein Kommentar ist sehr substantiell, deshalb werde ich meine Antwort nicht aus dem Ärmel schütteln, sondern erst ausgiebig darüber nachdenken, bevor ich auf die Details eingehe. Das bedeutet, – da kommt noch was von mir.

    Trotzdem erstmal vielen Dank für Deine Meinung.

  3. An Jens betreff seines letzten Kommentares:
    „Zuerstmal sind, in meiner Wahrnehmung, die meisten hier ansässigen Deutschen, die keine Wurzeln im Lande haben aus geschäftlichen Gründen hier her gekommen.“
    Solche kenne ich auch, z.B. einen jungen Schmied, der sich in einem Dorf in der Nähe von Hermannstadt niedergelassen hat. Hatte überhaupt keine Wurzeln hier, – hat sich eingelebt und kann sich vor Aufträgen kaum noch retten. Die Mehrzahl derer, die ich in unmittelbarer Umgebung kenne, sind aber Leute, die einfach nur ihren ruhigen Lebensabend hier verbringen wollen. Ich weiß es deshalb, weil sie überwiegend auch meine Kunden sind und ich engen Kontakt mit diesen Leuten habe. Diese Leute produzieren nichts, sondern verleben ihre Rente, die sie aus Deutschland erhalten.
    „Ich kenne niemanden, und ich bin ganz gut vernetzt, der aus D. wegen der unsicheren Lage geflüchtet ist.“
    Nicht gerade wg. der unsicheren Lage. Noch muss man keine Puffe einstecken, um sich auf die Straße zu trauen. Für mich aber war eines der Kriterien, – nach den Erfahrungen mit meinen Kindern aus der ersten Ehe – , dass ich keine Kämpfe wg. der Drogen ausfechten muss und – was für mich besonders wichtig war, – dass ich auch ein Kind im Alter von unter 10 Jahren noch um 9 Uhr abends zum Kiosk schicken kann, um mir was zu holen, ohne Angst haben zu müssen, dass es einem Pädophilen in die Hände fällt oder aus anderen Gründen nicht mehr zurückkommt. Das war Ende der 90er Jahre in Deutschland in den Städten über 50 T E nicht mehr so gegeben.

    Wie es heute aussieht, – vielleicht siehst Du Dir mal das Video von Jasinna bis zum Ende an.
    https://www.youtube.com/watch?v=KWyYorpQwXY
    Ich bin schon froh, dass ich rechtzeitig die Flatter gemacht habe.
    Tatsache ist auch, dass meiner ersten Frau im 8. Monat von einem Jungen aus einer Gruppe Türken ein Bein gestellt wurde, als sie bei der Bushaltestelle vorbeigegangen ist. Sie hat sich gefangen und ist nicht hingefallen. Gottseidank. Das war in Stuttgart in der Mitte der 70er Jahre. Ich danke Gott dafür, dass ich da nicht anwesend war, – wobei – mittlerweile wäre ich wg. guter Führung auch schon entlassen worden…..
    „Auch kann ich nicht ins Ausland gehen und hier das Deutschsein pflegen. Ich kann nicht in D. verlangen, dass sich Ausländer anpassen und dann selber ins Ausland gehen und verlangen, dass die Leute sich Deutsch verhalten oder auch nur ich mich als Deutscher aufspiele.“

    Das sehe ich ganz anders. Als jemand, der dieses Land bereits seit dem Jahre 1987 in allen Ecken erkundet hat und nun seit 15 Jahren hier lebt, kann ich nachweislich sagen, dass der Einfluss der Deutschen und Ungarn in Siebenbürgen eine klare Handschrift hinterlassen hat. Wir haben die verschiedenen Regionen in Rumänien, – das sog. Ardeal (Groß-Siebenbürgen), das Banat, die Dobrudscha, die Moldau und die Oltenia. Die Unterschiedlichkeit zwischen den geografischen Gegebenheiten ist enorm, noch krasser aber ist der Unterschied bei der Mentialität der Bevölkerung. Obwohl alle von der Staatsbürgerschaft her Rumänen sind.

    Die Deutschen, die unter Andreas II. nach Siebenbürgen eingewandert sind, sowie die damals hier lebenden Ungarn haben den Rumänen in Siebenbürgen geprägt. Auf jeden Fall in der Art, dass er in seiner Einstellung zum Broterwerb ganz anders gestrickt ist als die Rumänen in den anderen Landesteilen. Der Rumäne in Siebenbürgen ist zum überwiegenden Teil fleissig und pünktlich, das kennen die anderen Rumänen nicht. Die Deutschen, die damals aus der Moselgegend nach Siebenbürgen ausgewandert sind, haben ihr Deutschtum gepflegt und die Rumänen haben sich angepasst. Genauso wie in den ungarischen Gegenden in Siebenbürgen. Den Effekt kann man auch noch heute jederzeit spüren.

    Imposant für mich war, als wir in unserm Hof im Zentrum die Blaskapelle aus einem siebenbürgischen Dorf zu Besuch hatten. Klar haben wir nicht nur gegrillt, sondern auch musiziert. Am nächsten Tag sind die Nachbarn zu uns gekommen und haben uns gesagt, wie schön das geklungen hätte, es hätte sie an die alten Zeiten erinnert, als die Deutschen noch zahlreich anwesend waren, usw. Diese Nachbarn waren übrigens Rumänen und Ungarn.

    „Genauso kann ich einen Rumänen nicht angehen weil der unpünktlich ist, das ist hier eben so.“
    Das ist Deine Einstellung. Bei mir geht das nicht. Bei mir ist man nur zweimal unpünktlich: das erste und das letzte Mal. Bei den rumänischen Betrieben, wo nur die Rumänen das Sagen haben und deren Betriebe in straffer Führung liegen, da ists bereits beim ersten Mal zu Ende. Im übrigen sind alle Rumänen, die ich außerhalb meines Betriebes kenne und mit denen ich Kontakt habe, pünktlich und legen auch Wert auf diese Eigenheit. Wenn ich mich bei einem Termin verspäte, dann werfen sie mir das auch vor.

    „Leider integrieren sich auch hier die wenigsten Deutschen, man schimpft lieber über Leute in D. die das nicht tun was man selber aus Ausländer auch nicht tut.“
    Da kannst Du recht haben. Dabei sollte man eine Unterscheidung zwischen den vor langer Zeit eingewanderten Deutschstämmigen und den frisch eingewanderten vornehmen. Die „Alten“ wollten ihre Kultur behalten, übernahmen nur die Dinge, die absolut notwendig und auch naheliegend waren. Vielmehr aber haben sich die Rumänen an den deutschen Traditionen orientiert, – das beginnt bereits zum Jahresanfang mit den Faschingsbräuchen und geht mittlerweile bis zum Oktoberfest in Kronstadt und Hermannstadt. Genauso kannten sie früher keinen Weihnachtsmarkt.
    Allerdings ist das alles auf Siebenbürgen begrenzt. Es hängt aber auch damit zusammen, dass man tief in die rumänische Sprache und auch in die Geschichte einsteigen muss, um die „rumänische Seele“ blosszulegen. Ich habe nicht nur Eminescu gelesen, auch Paunescu, habe Enescu mit seinen fantastischen Kompositionen gehört und bin dann langsam dahintergekommen, was diese Leute vom Anbeginn, als die Daker hier ankamen, entwickelt haben.

    Natürlich fällt mir das als Wiener leichter, – waren wir doch traditionell aus der K.u.K. Zeit das Sammelsurium der Nationen. Die Methode, – „Küss die Hand, gnä Frau“ und in Wirklichkeit denkt man sich das Götz-Zitat, – wer kennt das besser als ich, als geborener Wiener. Ich komme damit zurecht, auch hier in Rumänien. Jemand mit preussischen Tugenden hat Schwierigkeiten damit. Ich bin in der Lage, alle rumänischen Bräuche und Traditionen mitzuleben, und das mache ich nicht nur aus Respekt vor meiner Frau als Rumänin, sondern auch aus Interesse an dem Land und seiner Bewohner. Gerade die Musik ist da ein hervorragendes Bindeglied.

    So, wie ich den Schuhplattler in meiner Heimat mittanze, so wie ich den Kolo bei meinen serbischen Freunden mitmache, den Sirtaki bei den Griechen, so tanze ich auch die Hora bei den Rumänen mit. Wenns mir zu lang wird, dan steige ich aus.

    Nun, das ist meine persönliche Sichtweise. Klar gibt es genügend Leute, die ins Land kommen und aufgrund ihrer Steifheit und Voreingenommenheit nicht in der Lage sind, die „rumänische Seele“ zu erkennen. Eigentlich schade, denn sie versäumen vieles.

    „Ich bin seit 10 Jahren in Siebenbürgen und habe hier viele Deutsche, Schweizer und Österreicher getroffen und beziehe meine Meinung aus dem Pool der Leute die ich kenne.“

    Genau das tue ich auch, obwohl ich um einiges länger hier bin. Deshalb werde ich auch nicht behaupten, dass Deine Beobachtungen falsch sind. Genauso, wie ich mein Umfeld beobachte, wirst Du dasselbe tun. Und genau daraus zieht jeder seine Schlüsse. Nur eines sollen wir beachten : Wir sollen tunlichst Verallgemeinerungen vermeiden. Denn das Land ist so vielschichtig und verschieden, einschl. seiner Bewohner, sodass man immer nur seine persönliche Sichtweise in seinem privaten Umfeld beurteilen kann, die man aber niemals auf das ganze Land umlegen darf.

    Abschließend noch eines: Auch ich habe aus Gutgläubigkeit hier manche Summe verloren. Zur Klarstellung: Ich gehöre noch zu der aussterbenden Minderheit, für die ein Händedruck ein Vertrag ist. Das Interessante dabei: Die geringsten Beträge habe ich bei den Rumänen eingebüsst. Die größten Verluste verzeichnete ich bei deutschen und schweizerischen Geschäftspartnern, die sich hier niedergelassen haben.

    Ein Siebenbürger Sachse war z.B. derjenige, der mir in seiner Funktion als Vorarbeiter, der mein Vertrauen genoss, im Betrieb am meisten geklaut hat, – da konnte kein Zigeuner mithalten. Aber auch das sind nur persönliche Erfahrungen, – man kann das niemals verallgemeinern.

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