1816, das Jahr ohne Sommer


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Im Jahr 1816 blieb der Sommer in weiten Teilen Europas, Asiens und Nordamerikas aus. Grund dafür war ein Vulkanausbruch, der sich im Jahr zuvor in Indonesien ereignet hatte. Die darauffolgende Hungersnot ging als die schlimmste des 19. Jahrhunderts in die europäische Geschichte ein

Jahr ohne Sommer 1816
Jahr ohne Sommer 1816, Symbolfoto „Winter“, Bild: Gegenfrage.com

Das Jahr 1816 ging als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Durch den Ausbruch des Tambora-Vulkans in Indonesien (damals Niederländisch-Ostindien) ein Jahr zuvor veränderten sich die Wettermuster in einigen Teilen der Welt dramatisch, wodurch massive Ernteausfälle und Hungersnöte ausgelöst wurden.

Die unter hohem Druck stehende vulkanische Umgebung führte zu einem Ausbruch des bis heute aktiven Vulkans. Während der Anfangsphase der Eruption, so wurde berichtet, klang der Vulkan wie ein Armeeangriff mit Gewehren und Kanonen.

Gegen 19 Uhr schossen drei Feuersäulen und Vulkangestein in die Höhe. Staub und Asche wurde 40 Kilometer in die Stratosphäre geschleudert. Gegen 20 Uhr regnete es Steine, nach Überlieferungen so groß wie zwei Fäuste, auf die Region nieder und es wurde stockfinster.

Am Krater lebten zu diesem Zeitpunkt etwa 10.000 Menschen, die sofort nach dem Ausbruch des Vulkans starben. Weitere 60.000 starben in der Folge in weiterem Radius. Selbst auf Sumatra, in einer Entfernung von 2.600 Kilometern, war die Explosion noch zu hören.

170.000 Hiroshimabomben

Zuvor hatte der Frühling wie gewohnt eingesetzt, doch bemerkten die Menschen schon bald eine ungewöhnliche Kälte. Vögel fielen einfach vom Himmel, vermutlich aus Nahrungsmangel. Ab Mai vereiste der Boden in einigen Regionen, im Juni begann es etwa in New England (USA) zu schneien.

Immer wieder gab es kurze Wärmeperioden, was jedoch lediglich falsche Hoffnungen schürte. Das Getreide konnte nicht wachsen. Laut heutigen Berechnungen hatte der Vulkanausbruch eine Sprengkraft von 170.000 Hiroshimabomben.

Auf dem Vulkanexplosivitätsindex erreichte die Explosion die Stärke 7 von 8 und im Laufe von fünf Tagen gingen tonnenweise Asche und Schwefeldioxid in einem Radius von 160 Kilometern nieder. Dieses Ereignis und die daraus resultierende Aschewolke war der Grund für das Wetterextrem in weiten Teilen der Welt, ist sich die Wissenschaft heute sicher.

Auswirkungen in Europa und Nordamerika

Dieses Phänomen betraf weite Teile Nordamerikas, Asiens und Europas und auch einige andere Teile der Welt. Wetterkatastrophen waren die Folge. Der Sommer im Jahr 1816 blieb komplett aus, die Ernteerträge gingen gebietsweise um bis 90 Prozent, in Westeuropa um 75 Prozent zurück, die Getreidepreise stiegen rasant an.

In Süddeutschland, Österreich und der Schweiz vervierfachten sich die Preise gebietsweise. In London ging die Jahresdurchschnittstemperatur von 10 auf 3,3°C zurück. Im Rheinland suchten „Menschen kaum ähnliche Gestalten“ auf Äckern nach verfaulten Kartoffeln, wie General Carl von Clausewitz seinerzeit festhielt.

In Irland brach das Fleckfieber (ähnlich wie Typhus) aus. Man verzehrte Hunde und verfaulende Pflanzen. In Kanada lag Schnee, in Quebec mit einer Höhe von bis zu 30 cm. Insgesamt 30.000 Europäer flüchteten in die USA. Da die Situation dort aber kaum besser war, zogen sie nach ihrer Ankunft weiter und setzten sich im Indianerland ab.

In der Schweiz verzehrten die Menschen „ekelhafteste Sachen“, um ihren Heißhunger zu stillen. Kinder weideten wie Schafe im Gras. Wiesenblumen und Graswurzeln waren besonders begehrt, beschreiben Überlieferungen.

Auch unreifes Obst, kleine Schnecken und Blätter waren bei den Schweizern begehrt. In Skandinavien und Osteuropa waren die Auswirkungen hingegen weniger katastrophal. In Ungarn fiel durch die Vulkanasche in der Atmosphäre brauner Schnee vom Himmel, in Italien wurde von rotem Schnee berichtet.

In zahlreichen europäischen Städten fanden Ausschreitungen und Plünderungen statt. Die Hungersnot war die größte in Europa im 19. Jahrhundert und raffte nach Schätzungen etwa 200.000 Menschen dahin.

Auswirkungen in Asien

In China brach eine extreme Monsunzeit (Regenzeit) an, sodass Überschwemmungen nicht mehr zu vermeiden waren. Der Kaiser gab einen Brei aus Bruchreis und Gerstenmehl an die Hungernden aus, viele Bauern verkauften in der Not ihre Kinder an reiche Leute.

Durch die Reismissernten stellten Bauern aus der Provinz Yunnan auf den Mohnanbau um. Der Anbau und die Gewinnung von Opium breitete sich rasch bis nach Laos, Thailand und Myanmar („Goldenes Dreieck“) aus und legte den Grundstein für den heutigen internationalen Drogenhandel, ist sich der Buchautor Gillen D’Arcy Wood sicher (Buch „Vulkanwinter 1816“ hier).

In Indien blieb die Regenzeit hingegen aus, was folgte war eine extreme Dürre. Während der Trockenzeit gab es dann Hochwasser. Durch die Wetterveränderungen entwickelte sich ein neuer, mutierter Stamm von Cholerabakterien, gegen den die Menschen nicht immun waren, und verbreitete sich über die Wasserversorgung.

Die Krankheit verbreitete sich rasch auch über die Landesgrenzen hinaus, weltweit stiegen die Cholerafälle an und bis heute leiden Teile Asiens und Afrikas an den stark anpassungsfähigen Bakterien. Allein in Paris starben damals 19.000 Menschen an Cholera.

Das Jahr wird heute auch als „Armutsjahr“ oder auch „Kleine Eiszeit“ bezeichnet. Im deutschsprachigen Raum sprach man von „Achtzehnhundertunderfroren“. In Europa dauerte die Krise bis ins Jahr 1818 an.

Katastrophe bringt auch Fortschritt

Das Jahr sorgte jedoch nicht nur für ein riesiges Chaos, sondern brachte auch einige Besonderheiten und Fortschritte hervor. Aus dem Jahr ohne Sommer stammt etwa der in den düsteren Sommermonaten verfasste Roman Frankenstein, den die britische Autorin Mary Shelley während eines Aufenthalts am Genfer See schrieb.

Der Schriftsteller Lord Byron, bzw. sein Begleiter John Polidori, die sich gemeinsam mit Shelley ebenfalls dort aufhielten, erfanden während dieser Zeit den Vorgänger von Dracula, „Der Vampir“.

Durch die extremen Temperaturänderungen erwärmte sich im Gegensatz zum Rest der Welt die Arktis. Große Eisbarrieren schmolzen und einzigartige, neue Arktisexpeditionen konnten ermöglicht werden.

Auch die Suche nach der Nordwestpassage konnte dadurch weitergeführt werden. Die meisten Expeditionen endeten jedoch in einer Tragödie. In Deutschland wurde der sogenannte Hungertaler geprägt, der an das Jahr ohne Sommer erinnern soll.

Landwirtschaft und Transport

Die Landwirtschaft wurde von nun an stärker gefördert. In Württemberg wurde beispielsweise der Landwirtschaftliche Verein gegründet. Bis heute erinnert das Cannstadter Volksfest (Wasen) an das Jahr ohne Sommer, welches seit 1818 jährlich veranstaltet wird.

Aus der Zeit stammen auch erste chemische Untersuchungen und Entwicklungen von Düngern, die das Pflanzenwachstum beschleunigen. Auch das Ur-Fahrrad „Velociped“ wurde im Jahr 1816 erfunden, da Pferde durch die Futtermittelknappheit eine Mangelware waren und darum versucht wurde, auf pferdelosen Transport umzusteigen.

Noch Jahrzehnte später gab es durch den Vulkanausbruch kuriose Wetterphänomene. Ein hohes Maß an Tephra in der Atmosphäre führte zu ungewöhnlich spektakulären, mehrfarbigen Sonnenuntergängen in dieser Zeit. Der Gelbstich in den Gemälden des berühmten britischen Künstlers William Turner ist angeblich ein damit zusammenhängendes Merkmal.

Quellenangaben anzeigen
dustyoldthing, mentalfloss, spiegel 12/2015, newscientist, bellrock, islandnet

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