Schwarze Propaganda: Psychologische Kriegswaffe


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Schwarze Propaganda: Wer hat schon einmal von der Methode „verrotteter Hering“ gehört? Von der Methode der „großen Lüge“ oder „der Offenkundigkeit“? Schwarze Propaganda ist sicherlich eines der hinterhältigsten Mittel, um Meinungen zu manipulieren. Die Wahrheit spielt dabei nur eine untergeordnete oder überhaupt keine Rolle. Ziel ist es lediglich, gewünschte Effekte bei einer Zielgruppe hervorzurufen.

Schwarze Propaganda
Schwarze Propaganda, Bildquelle: Deesillustration.com

Als Schwarze Propaganda werden falsche Informationen bezeichnet, deren Sender bzw. Urheber sich nicht oder nur sehr schwer nachvollziehen lässt. In der Regel wird Schwarze Propaganda dazu verwendet, um den Feind zu verunglimpfen, in Verlegenheit zu bringen oder falsch darzustellen. Schwarze Propaganda bezieht sich im Gegensatz zu Weißer (und Grauer) Propaganda nicht auf eine bestimmte Quelle, sondern verschleiert diese.

(Literatur zum Thema gibt's hier: klick)

Das Hauptmerkmal der Schwarzen Propaganda ist, dass die Zielgruppe der Manipulation sich nicht bewusst ist, dass sie gerade beeinflusst und in eine bestimmte Richtung gedrückt wird. Diese Art der Propaganda verbreitet Lügen, Fälschungen und Täuschungen und setzt auf die Bereitschaft des Empfängers, die Glaubwürdigkeit einer fiktiven Quelle zu akzeptieren.

Schwarzpropagandisten sind sehr darauf bedacht, dass die Zielgruppe die gewünschte Botschaft nicht missversteht oder anzweifelt, da die verbreitete Meldung ansonsten verdächtig erscheint oder überhaupt nicht angenommen wird. In erste Linie wird die Schwarze Propaganda von Regierungen verwendet, etwa um die Bevölkerung auf einen Krieg einzustimmen. Schwarze Propaganda wird auch eingesetzt, um die Beteiligung einer Regierung an bestimmten Aktivitäten, die sich nachteilig auf ihre Außenpolitik auswirken kann, zu verschleiern.

„Verrotteter Hering“

Zur Schwarzen Propaganda gehört beispielsweise die Methode „verrotteter Hering“. Man unterstellt dem Opfer öffentlich eine üble Straftat, wie etwa Kindesmissbrauch. Dabei ist es nicht das Ziel, den Vorwurf zu beweisen. Man möchte viel mehr in großem Umfang Diskussionen darüber lostreten.

Dadurch wird der Vorwurf immer und immer wieder wiederholt, bis das Opfer allgemein mit dem Vorwurf in Verbindung gebracht wird und es nicht mehr schafft, sich von diesem Thema zu befreien, selbst wenn seine Unschuld eindeutig bewiesen werden konnte.

„Große Lüge“

Als vielleicht brutalste Form der Schwarzen Propaganda hat sich die Methode „Große Lüge“ herausgestellt. Dabei wird dem Opfer der Propaganda eine so fürchterliche, unglaubliche Tat unterstellt, dass die Zielgruppe aufgrund des enormen Ausmaßes nicht mehr daran zweifelt, dass es sich dabei um die Wahrheit handelt, und die Lüge schließlich glaubt.

Wichtig ist hierbei, dass bei der Zielgruppe eine Art Trauma ausgelöst wird, welches das Denken von nun an beeinflusst. Die Tat zu beweisen steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr wird eine Selbstverständlichkeit suggeriert. Es wird vorgegaukelt, dass die Zielgruppe selbst die Unterstellung längst als wahr erachtet („Methode der Offen­kundigkeit“).

Dabei wird die angeblich vorhandene Mehrheit, die die „große Lüge“ akzeptiert, in ein positives Licht gerückt, um einen Mitläufer-Effekt bei der eigentlich erst noch zu lenkenden Zielgruppe hervorzurufen. Um dies zu untermauern bedient man sich etwa (geschönter oder manipulierter) Umfrage-Ergeb­nisse, die eine ab­solute Ein­heit der Zielgruppe demonstrieren sollen.

Wladimir Jakowlew, einer der an­ge­se­hens­ten russischen Jour­na­lis­ten, schrieb, diese Form der Propaganda mache aus der Zielgruppe „Zombies“, die im Optimalfall sogar einer Kritik an der gefälschten Wahrheit mit hoher Aggressivität begegnen.

USA

Ein historisches Beispiel für Schwarze Propaganda stammt aus den USA im Frühjahr 1782, fünf Monate nach der Schlacht bei Yorktown, als Benjamin Franklin eine komplette Zeitung, den Boston Independent Chronicle, fälschte und mit selbst geschriebenen Schauermärchen über Indianer füllte.

Er wies auf Grausamkeiten hin, die Amerikanern auf Geheiß der Briten in Indianer-Gefängnissen angetan wurden. Benjamin Franklin hatte reichlich Erfahrung mit der Presse und wusste sehr genau, wie man diese für seine Zwecke einsetzt. Er händigte die Hoax-Zeitung einem britischen Verlag aus und hoffte auf weite Verbreitung seiner Geschichten. Die Zeitung stieß jedoch nur auf geringes Interesse.

1960er: Im Zuge des Programms „COINTELPRO“ des FBI Ende der 1960er Jahre sollten Anführer farbiger Nationalisten und deren Unterstützer diskreditiert, fehlgeleitet, gestört oder auf andere Weise neutralisiert werden. COINTELPRO wurde auch gegen Kommunisten, die Black Panther Partei, Kritiker des Vietnamkriegs und gegen amerikanische Ureinwohner eingesetzt.

In einem im Jahr 1968 herausgegeben Dokument hieß es: „Setzen Sie Karikaturen, Fotografien und anonyme Briefe ein, um die Neue Linke [Sammelbegriff für verschiedene politische Bewegungen, d.Verf.] lächerlich zu machen. Spott ist eine der stärksten Waffen, die wir gegen sie verwenden können.“

Das FBI verwendete die Spott-Taktik im Jahr 1968 gegen Aktivitäten des Ku Klux Klans, als Hunderte rassistische Flyer mit offensichtlich falschen Informationen verteilt wurden, die angeblich von einem bekannten Klanführer stammten und diesen damit allgemein zur Lachnummer machten.

Gezielte Desinformation ab 2001: Im Jahr 2001 wurde von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld das „Office of Strategic Influence“ (deutsch=Büro für strategischen Einfluss) ins Leben gerufen, eine Behörde, die sich gezielt mit Desinformation beschäftigte und Mittel der Schwarzen Propaganda einsetzte. Ziel war es, die öffentliche Meinung im Ausland gegenüber den USA in ein positives Licht zu rücken.

Nach öffentlichen Protesten wurde die Behörde geschlossen, unter dem Namen „Office of Global Communications“ jedoch neu aufgezogen. George W. Bush machte die Behörde im Januar 2003 offiziell. Etwa die Geschichte über Massenvernichtungswaffen im Irak wurde von der Behörde ins Leben gerufen, womit der Irakkrieg 2003 legitimiert wurde.

Knapp zwei Jahre später konnte bewiesen werden, dass die Behauptungen frei erfunden und die zugrunde liegenden Geheimdienstinformationen falsch waren. Hunderttausende Iraker kamen dadurch ums Leben.

Großbritannien

Der Sinowjew-Brief war ein gefälschter Schrieb im Jahr 1924, der in der britischen Zeitung Daily Mail veröffentlicht wurde. Dieser stammte angeblich vom Präsidenten der Kommunistischen Internationalen (Komintern) Grigorij Sinowjew und richtete sich an die Kommunistische Partei Großbritanniens.

Er appellierte an die Kommunisten, „sympathisierende Kräfte“ in der Labour Party zu mobilisieren und Uneinigkeit unter den Streitkräften zu schaffen. Der Sinowjew-Brief war maßgeblich am Wahlsieg der Konservativen Partei im Jahr 1924 beteiligt. Der Brief rief dazu auf, die kommunistische Bewegung in Großbritannien zu verstärken und schien authentisch zu sein, doch handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Fälschung, um Ablehnung zu erzeugen und ebenjenen Wahlerfolg hervorzurufen.

Zweiter Weltkrieg: Während des Zweiten Weltkrieges warf die britische Luftwaffe Postkarten über deutschen Wohngebieten ab, die mit unbequemen Informationen über deutsche Politiker bedruckt waren. Diese Informationen sollten Zwietracht in den Reihen des deutschen Volkes säen.

Die Briten hofften angeblich, die Finder der Postkarten würden die Urheber für regierungskritische Deutsche halten. Auf den Postkarten stand etwa geschrieben, dass Parteimitglieder vom Frontdienst, von der Gerichtbarkeit selbst bei schweren Straftaten, sowie von der Pflicht befreit seien, Flüchtlinge in ihren privaten Wohnungen aufzunehmen.

Auch wurde in Reimform bemerkt, dass selbst bei völliger militärischer Unterlegenheit deutscher Soldaten dennoch gekämpft werden müsse, bis zum Tode. Als Belohnung erhalte der gefallene Soldat dann ein Kreuz aus Tannenholz. Neben dem Gedicht war ein Foto eines Haufens gestapelter deutscher Soldaten zu sehen. Eine andere Postkarte war mit folgendem Text bedruckt:

Die Volksgenossen …. wehrlos
Die uk-gestellten Bonzen … ehrlos
Die Lage … trostlos
Die Häuser … fensterlos
Die Nächte … schlaflos
Die Führung … skrupellos
Die Geführten … widerstandslos
Die Propaganda … maßlos
Der Beschiß … bodenlos
Die Mark … wertlos
Der Sparer … drahtlos
Der Mittelstand … existenzlos
Das Leben … freudlos
Optimismus … grundlos
Der Schleichhandel … uferlos
Gerichtsklagen … zwecklos
Die Führerreden … endlos
Massengrab … kostenlos
Die besten Generäle … postenlos
Die Volksbetreuer … verantwortungslos
Millionen … obdachlos
Soldatenfrauen … schutzlos
Die Blutopfer … nutzlos
Die Jugend … zügellos
Die Erziehung … gottlos
Die Willkür … schrankenlos
Die Wahrheit … heimatlos
Die Kritik … sprachlos
Der Rundfunk … schamlos
Die Verbündeten … treulos
Mussolini … sang- und klanglos
Die Pleite … grenzenlos
Die Stroßtruppredner … rastlos
Die Gegenwart … aussichtslos
Die NSV … gewissenlos
Die Parteischieber … hemmungslos
Die Staatsverfassung … wahllos
Die Behörden … kopflos
Die NSDAP … hilflos
Alle Versprechen … haltlos
Der Brotkorb … brotlos
Die Woche … fettlos
Sonntags … auch nichts los
Der Hoheitsträger … sorgenlos
Der Diplomatenhaushalt … markenlos
Der Krieg … sinnlos
Weiterkämpfen … fruchtlos
Die Politik … ziellos
Ribbentrop … einer Trauerkloss
Beim Führer … Schraube los

Die Postkarten wurden bereits ab dem 3. September 1939 über Deutschland abgeworfen, als die britische Luftwaffe erste Aufklärungsflüge über deutschem Gebiet durchführte. Meistens wurden Widerstandsgruppen als Urheber angeben, manchmal aber auch die USA.

Im Jahr 1941 wurde die Political Warfare Executive gegründet, eine Behörde speziell für die Verbreitung Schwarzer Propaganda. Es wurden noch Millionen weitere Postkarten bedruckt und über deutschen Städten abgeworfen, eine schöne Sammlung finden Sie hier: BRITISH BLACK POSTCARDS OF WORLD WAR II

1995: Im November 1995 wurde in einem Artikel des Sunday Telegraph behauptet, Libyens Saif al-Islam Gaddafi (Muammar Gaddafis Sohn) stehe mit einem Geldfälscherring in Verbindung. Der Artikel wurde von Con Coughlin verfasst, Chef-Auslandskorrespondent der Zeitung.

Er gab an, die Informationen von „britischen Banken“ erhalten zu haben, tatsächlich stammten diese allerdings vom MI6 und sollten Gaddafi Junior diskreditieren.

Russland

Vor und während des Kalten Krieges setzte die Sowjetunion mehrfach Desinformation ein. Im Jahr 1956 errichtete der Sowjet-Geheimdienst KGB den Sender „Radio freies Ungarn“ und sandte während des Einmarschs der Sowjetunion Hilferufe an die USA.

Ursprünglich sollte damit in der amerikanischen Bevölkerung demonstriert werden, wie machtlos die US-Regierung gegenüber der Sowjetunion war. Tatsächlich aber erzeugte der Sender damit Sympathie für die Ungarn in den Vereinigten Staaten.

Während der iranischen Geiselkrise von 1979 bis 1981 errichteten die Sowjets einen vermeintlich iranischen Radiosender, der den Geiselnehmern große Unterstützung zusagte und somit für eine wachsende antiamerikanische Stimmung im Land sorgte.

Deutschland und Österreich

Zur Zeit des Ersten Weltkrieges wies die Habsburgermonarchie als seriös angesehene Zeitungen an, bestimmte Inhalte nach Vorstellung der Herrschenden zu verbreiten. Der Sender der Propaganda war somit nicht erkennbar, was allgemein als „deflective source model“ aus der Schwarzen Propaganda bezeichnet wird.

Deutsche Schwarze Propaganda nutzte in der Regel den in Europa verbreiteten Rassismus und Antikommunismus für ihre Zwecke. Beispielsweise in der Nacht des 27. April 1944, als deutsche Flugzeuge im Schutz der Dunkelheit Propagandaflugblätter über dem besetzten Dänemark abwarfen.

Auf den Faltblättern mit dem Titel „Frihedsposten“, der Name einer tatsächlich existierenden dänischen Untergrundzeitung, stand, dass sich die „Stunde der Befreiung“ nähere. Der dänischen Bevölkerung wurde angeraten, „die Besetzung durch die Russen oder durch speziell ausgebildete amerikanische Negersoldaten“ zu akzeptieren, bis die ersten militärischen Operationen beendet seien. Das deutsche Büro „Concordia Organisation“ betrieb mehrere schwarze Propaganda-Radiosender. Viele davon wurden innerhalb der Zielländer illegal betrieben.

Methode 40 zu 60: Während des Zweiten Weltkriegs wandte Propagandaminister Goebbels die von ihm selbst entwickelte „Methode 40 zu 60“ an. Ein Medium, wie etwa ein Radiosender oder eine Zeitung, sollte zu 60 Prozent ausgewählte Informationen des Feindes wiedergeben, um das Vertrauen der Zielgruppe zu gewinnen.

Die restlichen 40 Prozent wurden dann für gezielte, manipulative Informationen verwendet und aufgrund des gewonnenen Vertrauens der Zielpersonen nicht mehr in Frage gestellt. So gründete er beispielsweise einen englischsprachigen Radiosender namens Lord Haw-Haw mit dem Programm „Germany Calling“, der sich in Großbritannien großer Beliebtheit erfreute.

Gesendet wurde vom 18. September 1939 bis zum 30. April 1945, als britische Soldaten Hamburg einnahmen. Erst nach dem Krieg stellte sich heraus, dass es sich um einen deutschen Sender handelte, der nach der „Methode 40 zu 60“ arbeitete.

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