Vergessene Geschichte
09.02.1886: Ende der Chinesen-Verfolgungen in Seattle, USA


Geschichte

Die Chinesen-Verfolgungen 1886, bezogen auf die Tage vom 06. bis zum 09. Februar 1886, auch Seattle Riot of 1886 genannt, waren von US-Gewerkschaftsmitgliedern organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Chinesen im Nordwesten der USA.

(Literatur zum Thema gibt's hier: klick)
Chinesen Seattle 1886
Chinesen Seattle 1886, Bild: Flagge USA, Gegenfrage.com

Die Chinesen-Verfolgung von 1886 ereignete sich zwischen dem 06. und dem 09. Februar 1886 in Seattle im US-Bundesstaat Washington. Durch die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt erwuchs ein antichinesischer Rassismus in den USA.  Dies stand im Zusammenhang mit dem anhaltenden Kampf zwischen Arbeiterklasse und Kapital, in erster Linie im Westen der Vereinigten Staaten.

Der Streit entstand, als ein mit den örtlichen Knights of Labour (eine der wichtigsten US-Arbeiterorganisationen) verbundener Mob kleine Ausschüsse formte, um eine Zwangsvertreibung aller Chinesen aus der Stadt durchzuführen. Mehr als 200 Chinesen wurden in der Folge aus Seattle evakuiert.

Hintergrund

Während der 1840er Jahre brachte der California Gold Rush viele Chinesen in die Vereinigten Staaten. Viele hatten sich Hoffnungen gemacht, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern, und ihre Ankunft wurde zunächst aufgrund von Arbeitskräftemangel begrüßt.

Nach Informationen aus der US-Volkszählung nahm die chinesische Bevölkerung bis 1890 dramatisch zu, obwohl sie im 19. Jahrhundert nie mehr als 0,2 Prozent der US-Bevölkerung ausmachte.

Nach dem Goldrausch zogen viele Chinesen auf der Suche nach Arbeit in die nordwestlichen Gebiete von Oregon, Washington und Montana, vor allem mit den neuen Bergbaumöglichkeiten und der Erweiterung der Eisenbahn.

Die chinesischen Arbeiter entwickelten den Ruf, effizient zu sein und bereit zu sein, viele Stunden zu arbeiten, aber auch weniger Lohn zu akzeptieren als weiße Arbeiter. Viele Weiße warfen den Chinesen vor, ihnen die Arbeitsplätze wegzunehmen. Sie sahen die Chinesen als rassisch minderwertige „Halb-Sklaven“, die sich nicht in die amerikanische Lebensweise integrieren konnten.

Einige argumentierten, dass die Einstellung chinesischer Arbeiter nur dazu dienen würde, den Lebensstandard des durchschnittlichen amerikanischen Arbeiters im Westen zu senken, um die Löhne zu drücken. Andere behaupteten, dass die chinesischen Arbeiter den Wohlstand aus den USA abzögen, da viele Einwanderer ihren Familien in China Gehaltsschecks schickten.

Unternehmen stellten immer mehr chinesische Arbeiter ein, wodurch höher bezahlte weiße Arbeiter verdrängt wurden. Dies führte im Westen zu rassischen Spannungen. Heftige Ausbrüche gegen Chinesen traten bereits in den 1860er Jahren auf und verstärkten sich in den 1870er Jahren. Besonders in Kalifornien, als die Unternehmen den Arbeitsmarkt mit chinesischen Arbeitern überschwemmten.

Viele Chinesen wurden gesellschaftlich ausgeschlossen oder weigerten sich, Gewerkschaften im Kampf gegen das Kapital beizutreten. Dies verärgerte die weißen europäischen Einwanderer, die diese Organisationen bildeten.

Gewerkschaften wie die Knights of Labour und die American Federation of Labour unterstützten Gesetze, die die chinesische Einwanderung beschränkten oder bekämpften. Mitte der 1880er Jahre begann eine neue Welle antichinesischer Gewalt und verbreitete sich im gesamten Nordwesten.

Rock Springs-Massaker

Das Rock Springs-Massaker in Wyoming war nur der erste Ausbruch antichinesischer Gewalt von vielen im Westen. In den 1870er Jahren fingen die Kohlebergwerke von Union Pacific an, weiße Streikende zu feuern und weiße Arbeiter durch billigere chinesische Arbeiter zu ersetzen.

Das Massaker ereignete sich am 02. September 1885. In den Minen brachen zwischen weißen und chinesischen Arbeitern Kämpfe aus. Ein Mob zerstörte und verbrannte viele chinesische Häuser, der Schaden wurde auf 140.000 Dollar geschätzt (= ca. 3,4 Millionen Dollar im Jahr 2015).

28 Personen kamen ums Leben, 14 wurden verletzt. Praktisch alle Chinesen wurden in umliegende Regionen vertrieben. Gouverneur Francis Warren forderte bei US-Präsident Cleveland Militärhilfe an. Grund war ein Bericht, laut dem sich die geflohenen Chinesen in der Nähe von Evanston zusammengefunden und bewaffnet hatten.

Der antichinesische Mob plante Angriffe auf die Chinesen, was einen Militäreinsatz veranlasste. Offiziell wurden die Truppen nach Rock Springs entsandt, um „jegliche Störung der Post in den Vereinigten Staaten oder der Routen, über die sie empfangen werden, zu verhindern“.

Tatsächlich schützten die Truppen die chinesischen Arbeiter, allerdings wurde auch kein einziger der Randalierer festgenommen und bestraft. Um eine diplomatische Krise mit China abzuwenden, bezahlte die US-Regierung eine Entschädigung in Höhe von 150.000 Dollar, allerdings nicht an die Einwanderer, sondern an Peking.

Nach dem Massaker blieben die Soldaten noch weitere 14 Jahre in der Gegend. Der weiße, gewerkschaftliche Einfluss verschwand nach dem Aufstand größtenteils.

Chinesen-Verfolgungen in Seattle bis zum 09. Februar

Am 06. Februar 1886 wurde den Chinesen ein Ultimatum gestellt, Seattle zu verlassen. Anderenfalls werde man sie gewaltsam vertreiben. Am Morgen des 07. Februar drangen viele „Komitees“ in chinesische Häuser ein und forderten die Bewohner auf, ihre Koffer zu packen und sich um 13 Uhr beim Dampfschiff Queen of the Pacific zu melden.

Die Komitees bauten Waggons durch Seattles Chinatown auf, um Gepäck zum Pier zu transportieren. Nach einer Suche nach geflüchteten oder versteckten Chinesen führten die Komitees rund 350 Chinesen von Chinatown zum Pier.

Sheriff John McGraw wurde wurde hinzugerufen, um Recht und Ordnung durchzusetzen. McGraw war solidarisierte sich jedoch mit den Arbeitern. So versuchte dieser lediglich, gewaltsame Übergriffe zu verhindern und schützte die chinesischen Immigranten vor Gewalt auf ihrem Weg zum Pier.

Ein Befehl von Gouverneur Squire, den Mob aufzulösen und die Chinesen freizulassen, wurde ignoriert. So forderte Squire die lokale „Seattle Rifles“-Miliz an und bat das Militär um Unterstützung für McGraw.

Die Arbeiter hatten nur genug Geld für 97 Fahrscheine des Schiffs. Die 253 übrigen Chinesen führte man darum zu einem Zug nach Tacoma. McGraw entschärfte die Situation, indem er den Zug vorzeitig abfahren ließ, ehe der Mob ihn erreichen konnte. Am nächsten Tag hatte der Mob Geld für 115 weitere Chinesen eingesammelt und bereits weggeschickt.

Als McGraw und seine Truppen einige Anführer des Mobs verhafteten und versuchten, die übrigen 150 Chinesen in ihre Häuser zurückzubringen, bildete sich ein neuer Mob. Die Milizsoldaten schlugen mit ihren Gewehrkolben auf die Arbeiter ein. Diese wiederum entrissen einigen Soldaten ihre Gewehre und feuerten.

Drei Randalierer und zwei Soldaten wurden schwer verletzt. Der Mob wich zurück und bereitete sich auf eine weitere Auseinandersetzung vor, als eine zusätzliche Milizionäre eintrafen. Als McGraw erklärte, dass die Verantwortlichen für die Schießerei strafrechtlich verfolgt werden würden, zerstreute sich die Menge.

Als ein dritter Mob auf die Milizionäre losging, feuerten diese in die Menge. Am 09. Februar erließ Gouverneur Squire daraufhin das Kriegsrecht. Weder Greene noch Squire glaubten, dass McGraw und seine vereinten Milizen in der Lage sein würden, das Kriegsrecht auf dem Territorium durchzusetzen.

Die Bundestruppen kamen erst am 10. Februar in Seattle an, die Unruhen waren zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits vorüber. Squire beendete das Kriegsrecht am 23. Februar und stellte die örtliche Zivilverwaltung wieder her. Die meisten Truppen wurden zurückgerufen, aber zwei Kompanien der Truppen verblieben weitere vier Monate in Seattle.

Spätere Entwicklung

Die Chinesen-Verfolgung kam in den Jahren nach 1886 allmählich zum Erliegen. Der Schutz der Chinesen in Amerika erwies sich jedoch zunächst als schwierig. Der chinesische Konsul Goon Dip, ein chinesischer Geschäftsmann, war größtenteils für die zweite chinesische Einwanderungswelle nach Seattle verantwortlich und gründete Seattles zweites Chinatown.

Bald zogen auch japanische und philippinische Immigranten in die Gegend, weil die Gegend preiswerte Häuser und Läden für ihre eigenen Geschäfte und Restaurants bot. In den späten 1930er Jahren wurde Chinatown in Seattle als eigenständiges Viertel neu gegründet. Viele Chinesen steigen trotz anhaltender Spannungen gesellschaftlich auf.

Die Beziehungen verschlechterten sich jedoch nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor. Tausende japanischstämmige Amerikaner wurden im Frühjahr 1942 in Internierungslager gesteckt. Als Reaktion darauf mussten zudem viele Chinesen in Seattle Abzeichen tragen, um zu erklären, dass sie keine Japaner sind.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen immer mehr Filipinos in die Gegend und ließen sich dort nieder. Dies veranlasste den Bürgermeister von Seattle, William Devin, Chinatown im Jahr 1951 in „International District“ umzubenennen. Bis heute bereitet dies der chinesischen Gemeinschaft einige Probleme.

Quellenangaben anzeigen
wikipedia, in2013dollars

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