Bukarest und die hausgemachten Tragödien


Kolumnen/Rumänien

Bei einem Brand in einer Diskothek in Rumäniens Hauptstadt Bukarest sind mindestens 32 Menschen ums Leben gekommen. Die Gründe: Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und Korruption. Ein Gastbeitrag vom in Rumänien lebenden Kommentator Helmut-1.

Proteste in Rumänien
Proteste in Rumänien

Im Verlauf eines Rockkonzertes in Bukarest brach am späten Abend des vergangenen Freitag im Zusammenhang mit einer „Explosion“ ein Feuer aus, was derart schnell um sich griff, dass mindestens 32 tote Jugendliche zu beklagen sind. Diese Explosion und das dadurch entfachte Feuer stehen im Zusammenhang mit einer Pyro-Show. Man spricht von ca. 200 Verletzten, von denen etwa 170 stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen, 14 davon lägen auf den Intensivstationen. Zum Glück wurde adäquat reagiert, man rief alle verfügbaren medizinischen Kräfte zum Dienst, die natürlich nach Freitag nachmittag zum Großteil frei hatten, – es wird in allen Krankenhäusern in Bukarest am laufenden Band operiert und behandelt. Soweit die Situation. Warum meine ich „hausgemacht“?

(Literatur zum Thema gibt's hier: klick)

Der Veranstaltungsssaal, in dem 300 – 500 Jugendliche anwesend waren (genauere Zahlen habe ich noch nicht entdeckt) hatte keine Genehmigung zur Verwendung der Pyro-Technik-Show. Obwohl – dem Gesetz nach – so eine Pyro-Show nur von autorisierten Firmen durchgeführt werden darf, – hat sich auch – anscheinend – diese ausführende Firma nicht nach den Genehmigungen erkundigt, die von der örtlichen Feuerwehr ausgestellt werden.

Also, – der Staatsanwalt wird sich mindestens mit drei Beteiligten auseinandersetzen müssen,- das ist der Veranstalter der Show, die Pyro-Technik-Firma und die Kontrollbehörde, die vor Beginn so einer Veranstaltung alles kontrollieren muss, ob alles in Ordnung ist. Diese Behörde wird natürlich nicht jeden Stuhl kontrollieren, aber auf alle Fälle ist es üblich, das Vorhandensein aller Genehmigungen und Zulassungen zu prüfen. In der Regel passiert so was häufiger, dass irgendwelche Genehmigungen fehlen, es wird dann mit einigen Scheinen (größerer Ordnung) geregelt, damit alle Beteiligten den Mund halten, und das geht solange gut, bis es eben zur Katastrophe kommt. Das meinte ich mit „hausgemacht“.

Auch ich bin Musiker, war auch in früheren Jahren aktiv in Bands, und neuerdings wieder, – aber ich habe eines beobachtet: Diejenigen, die sich solcher großaufgemachten Shows, mit Feuerwerk etc. bedienen, haben in der Regel Defizite im musikalischen Können. Die Musiker resp. die Gruppen, die wirklich was drauf haben, – die brauchen das nicht. Nimm mal einen Reinhard Mey als Extrem, da stehen zwei Gitarren auf der Bühne, noch ein paar Boxen, ein Sitzhocker, und das wars dann. Wenn der dann die Bühne betritt und zum Singen anfängt, ist die Bühne gefüllt.

Man muss – wie bei so vielem in der Geschichte – zwischen Grund und Anlass unterscheiden. Das mit dem Brand war nur der Anlaß, der das berühmte Faß zum Überlaufen brachte. Allerdings hat das auch den Nerv getroffen. Man muss wissen, dass die meisten jungen Leute mangels persönlicher Perspektive oder sonstiger Möglichkeiten kaum mehr was anderes haben, als zu solchen Veranstaltungen zu gehen. Das ist ihnen noch als Zeitvertreib geblieben. Zur Verdeutlichung der jugendlichen Denkweise hier ein Link: http://www.spiegel.de/u…1059762.html. Wenn das auch noch lebensgefährlich wird, dann geht’s ans Eingemachte. Viele stellen sich auch vor, wie es sein würde, wenn sie selbst dort anwesend gewesen wären, oder gar verunglückt wären. Das bewirkte eine Welle der Solidarität im Land, – in vielen Städten gab es spontane – stille – Kundgebungen, wo die Menschen auf öffentlichen Plätzen Blumen niederlegten und Kerzen anzündeten. Das will schon was heißen, zumal die Hauptstädter in der Provinz nicht besonders beliebt sind. Ist in Deutschland ja nicht anders. Kann mir auch kaum vorstellen, dass jemand in Saarbrücken auf dem Marktplatz eine Kerze anzündet, wenn in Berlin ein größeres Unglück passiert.

Nun zu den Gründen: Seit Jahren heißt es, man bekämpft die Korruption im Land. Ja, es wird ja auch was getan, es erscheint aber wie eine Hydra, diese Krankheit. Dazu merken die Leute andauernd, wie sie von denen, die von der Korruption profitieren, im Hamsterrad gehalten werden. Die Gesetze sind nämlich schon so gemacht, dass sie angeblich übergenau sind, aber dadurch als Sekundär- und Tertiär-Effekt wieder andere profitieren lassen, dass es schon unverschämt ist. Man will ein Auto zulassen, – hat selber keine Zeit, schickt einen Familienangehörigen, – und auch bei vielen anderen Beispielen: Man braucht für alles eine notarielle Vollmacht, und das kostet. Was die Notare hier in Rumänien so an Geld machen, es ist ungeheuerlich. Ich kann das Wort „verdienen“ beim besten Willen nicht dabei in den Mund nehmen.

Beim Gerichtsvollzieher ist es ähnlich. Er heißt zwar „Gerichtsvollzieher“, ist aber eine freiberufliche Tätigkeit. Macht mehr Geld im Monat als ein Minister. Die Insolvenzverwalter sind genauso ein Übel. Werden bei jedem Konkurs vom Gericht eingesetzt, – auch, wenn überhaupt keine Konkursmasse vorhanden ist. Dann bekommen sie ihr Geld vom Staat, und das ist verdammt viel. In Deutschland würde da gar kein Konkursverwalter eingesetzt werden, weil da nur unnötige Ausgaben anfallen würden. Will jemand eine marode Firma sanieren, die nicht in den Konkurs gehen soll, dann vereinbart er z.B. Ratenzahlungen mit den Gläubigern, u.a. auch mit dem Finanzamt. Das muss – vom Gesetz her – wieder ein Konkursverwalter beaufsichtigen, der dabei mehr pro Monat bekommt, als die Rate ausmacht. Das zu den Selbständigen. Wie siehts beim einfachen Volk aus:

Der einfache Mann hat sich hauptsächlich mit Bürokratie herumzuschlagen, die zermürbt. Es gibt auf den Ämtern die beiden Standard-Antworten: „Ich weiß nicht“ oder „Es geht nicht“. Freundlichkeit, im Interesse des Bürgers auf den Ämtern zu agieren, – Fehlanzeige. Der Bürger wird als lästiges Übel angesehen. Die Leute wissen nicht mehr, wie sie mit dem Geld zurechtkommen sollen, – aber EON, ÖMV und wie sie alle aus dem Westen heißen, -machen ihre satten Gewinne. Gerade wie sich EON hier verhält, das spottet oft jeder Beschreibung. Meist verstecken sie sich hinter den rumänischen Gesetzen, – zucken mit den Schultern, weil es eben anders nicht geht, angeblich. Erhöhen ständig die Energiepreise, und argumentieren, dass man im Europavergleich die niedrigsten Gaspreise in Rumänien hätte. Kein Mensch aber kommt auf die Idee, das mit dem jeweiligen Einkommen in Relation zu setzen. Überhaupt sind die Energielieferanten in Monopolstellung, – mit Ausnahme der Treibstoffe. Es wird auch nicht geändert, weil dann würde sich in den Preisen was tun.

Die Lebensmittelpreise in den Supermärkten sind ähnlich wie in Deutschland, manchmal auch etwas höher. Aber der Durchschnittslohn ist hier bei 300€. Ich spreche nicht vom amtlichen Durchschnittslohn, weil da die Minister usw. auch mit drin sind, – ich spreche vom überwiegenden Teil der Bevölkerung. Allerdings: Die Angestellten bei den Energiunternehmen – die haben überwiegend in westlicher Höhe orientierten Lohn. Die meisten Eltern leben in dem Wahn, dass ihre Kinder studieren müssen, damit sie besser durchs Leben kommen. Lernmittelfreiheit: Fehlanzeige. Alles muss bezahlt werden. Ich habe einen Arbeiter, der hat drei Kinder, und obwohl er bei mir besser verdient als bei anderen Firmen, reicht ein Monatslohn nicht aus, um für diese drei (2 in der Schule und 1 im Kindergarten) die Lernutensilien zum Beginn des neuen Schuljahres zu bezahlen.

Mit dem Gesundheitssystem ists katastrophal, – man hat zwar eine Chip-Card, – aber alles, was Begleiterscheinungen sind (Medikamente, weiterführende Untersuchungen, etc.) muss bar bezahlt werden. Zustand der Krankenhäuser: Meist katastrophal. Jetzt sparen sich die Eltern das Geld vom Mund ab, damit der Sprössling studieren kann, und dann ist er endlich fertig, – und findet natürlich hier keinen Job. Im Ausland vielleicht, – aber da kommt es dann meistens soweit, dass der Herr Diplommathematiker in Deutschland zum Bauern geht, um Gurken zu pflücken. Immer wieder wartet man drauf, dass sich da was ändert, – man wartet vergebens. Man setzte große Erwartungen in den deutschstämmigen Präsidenten Johannis, – vergebens. Er hält sich bei allem vornehm zurück. Klar kann ein Präsident nicht die Welt aus den Angeln heben. Obwohl wir in RO eine Präsidentialdemokratie haben (im Gegensatz zu D – parlamentarische Demokratie), wo der Präsident mehr Rechte hat, – trotzdem. Möglicherweise will er abwarten, bis die jetzige Regierungspartei abgewählt wird oder das Handtuch wirft, um dann dafür zu sorgen, dass die Leute aus seiner Partei ans Ruder kommen. Aber ob sich dann was ändert….

Das alles hat sich im Laufe der Jahre angestaut, und noch vieles mehr. Es war ohnehin nur mehr eine Frage der Zeit, bis das explodiert. Die Leute können nicht mehr, und wollen auch nicht mehr. Keiner sieht mehr ein, dass er ins Ausland arbeiten gehen muss, wenn er die Familie hier in RO über die Runden bringen will. Die Sache mit der Disco wird nur deshalb zum Anlaß genommen, weil es hier wiederum Korruption ist, die im Spiel ist. Wieder wurde jemand geschmiert, damit die Veranstaltung in dieser Form abgehen kann. Das Ergebnis ist die Tragödie. Was ist nun aktuell: Der Ministerpräsident ist zurückgetreten. Aber die Leute auf der Straße wollen mehr.

Sie sagen, damit ist es nicht getan, – die Regierung soll komplett zurücktreten, und dann sollen keine Parteienpolitiker mehr dran, sondern Fachleute und Technokraten. Deshalb wird weiter demonstriert, – und viele sagen, – wir hören diesmal nicht eher auf, bis wir das Ziel erreicht haben. Interessant auch, dass es nicht nur in einigen regionalen Gebieten ist, sondern flächig in allen größeren Städten im Land. Mal sehen, wie es weitergeht. Um das etwas besser zu verstehen, was da so abging: Wie schon erwähnt, – im Rahmen einer Rock-Veranstaltung wurde eine Pyro-Show gemacht, welche die Wände und die Decke in Brand gesetzt hat. Um sich davon in etwa einen Eindruck zu machen, – die Fotos, so ungefähr in der zeitlichen Reihenfolge, wie sich das abgespielt hat:

Es sind Originalfotos aus der Disco. Die anderen Fotos mit den furchtbaren Eindrücken erspare ich dem Forum. Klar, dass bei so einem Brand in einem überfüllten Saal dann eine Panik ausbrach. Mittlerweile kommen auch einige unschöne Einzelheiten ans Tageslicht, wie z.B. die Tatsache, dass derjenige, der das Feuerwerk entzündet hat, als erster beim Brandausbruch den Saal verlassen hat. Er sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Letztlich sind es 32 Todesopfer und 140 Verletzte. Aber bei den Verletzten ist es noch nicht vorbei. Mehreren Jugendlichen müssen Gliedmaßen amputiert werden. Nicht nur der Ministerpräsident ist zurückgetreten, auch der Oberbürgermeister von Bukarest, und heute auch das geistliche Oberhaupt der rum. orthodoxen Kirche in Bukarest, Patriarch Daniel Ciobotea. Aber das Volk demonstriert weiter. Der Tenor, was die meisten auf der Straße rufen: „Mit ein paar Rücktritten könnt ihr uns nicht kaufen. Die Korruption ist es, die tötet.“


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5 Comments

  1. Hoert sich schlimm an,ist aber in Wirklichkeit noch viel schlimmer.Ich lebe in der rumaenischen Provinz und in letzter Zeit fehlen mir echt die Worte bei dem was hier abgeht.Unterschlagene Foerdergelder,damit nicht ausgefuehrte Projekte,Wahlbeeinflussungen inklusive physisches ausschalten von Gegenkandidaten,Frauenhandel und Zwangsprostitution mit politischer Verstrickung uvm.Ich hoffe auf eine 2.Revolution…

  2. Bundesdeutsche Politikdarsteller sind scheinbar ganz „heiss“ drauf zu sein, das Deutschland Rumaniens Niveau auch erreicht. Der Artikel zeigt Euch was alles so geht. Mit den selben Leuten und den selben Methoden geht es eben nur weiter abwaerts. Seit 1989 ist die Politkerverschowerung voellig ausser Rand und Band und immer mehr deutschfeindlich.

  3. @rene – Genau, das Niveau senken in D ist das laufende Programm. Aber nur für gewisse Bevölkerungsgruppen versteht sich.
    Im internationalen Vergleich bewegt sich Deustchland in Richtung Drittweltland auf so manchem Gebiet. Um das zu erkennen muss man aber mal etwas weiter jetten, als nur bis
    Mallorca.

    Zu Rumänien wäre noch erwähnenswert der Ausbau der US Militärpräsenz dort. Ich denke auch dazu ist das Volk nicht gefragt worden. Da kann man nur hoffen, dass man seinen Wohnsitz in einiger Entfernung dieser US Einrichtungen hat.

  4. Muß noch mal korrigiert werden. Von den ursprünglich von 27 Toten auf 32 Tote erhöht, ist diese Zahl schon lange nicht mehr zutreffend. Mehrere Schwerverletzte wurden ins westliche Ausland ausgeflogen und sind dort verstorben. Deshalb kommt die Rückkopplung später. Derzeit sind 50 Tote zu beklagen.

    Wenn man überhaupt dieser Sache etwas Positives abgewinenn kann, dann die Bereitschaft in mehreren Städten, endlich massiv von Seiten der Bürger gegen die Korruption vorzugehen. Bislang hatte man das in den Händen der Justiz belassen.

    Es formieren sich Vereine, in verschiedenen Städten, die die Geschicke und Interessen unabhängig von der Stadtverwaltung in die Hand nehmen und auch im Stadtrat offiziell gehört werden wollen.

    In der Presse, im Internet und sonstigen Medien werden die politischen Parteien allesamt als korrupt betrachtet und auch so dargestellt:

    http://www.bilder-upload.eu/show.php?file=b57212-1447260909.jpg

    Übersetzt heißt das auf der Karikatur:
    Wir denken wie die anderen! Wie lügen wie die anderen! Wir klauen wie die anderen!

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